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„Für ekelhaftesten Fußball der Liga entschieden“: Kohfeldt blickt auf Werder-Abstieg zurück

Wenige Trainer in Deutschland haben die Höhen und Tiefen des Geschäfts binnen weniger Jahre so intensiv mitgemacht wie Florian Kohfeldt. Darüber sprach er nun – und was am Ende der Saison „als Privatmensch das Allerschlimmste“ wäre.

Brisante Relegationskonstellation

Was würde passieren, wenn man die Bundesliga- und Zweitliga-Saison mit sofortiger Wirkung abbrechen würde? Bayern München wäre Deutscher Meister, klar. Der VfL Wolfsburg wäre abgestiegen, der FC Schalke 04 dafür zurück in der Bundesliga. Und das Relegationsduell? Hieße SV Werder Bremen gegen den SV Darmstadt 98.

„Als Privatmensch wäre dies das Allerschlimmste, was passieren könnte“, gab Lilien-Trainer Florian Kohfeldt nun im Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu. Sein aktueller Klub, der SV Darmstadt, sei für ihn „zu einem zweiten Herzensverein geworden“. Doch klar ist auch: Nach 20 Jahren in verschiedenen Funktionen bei Werder hängt für Kohfeldt noch einiges an Grün-Weiß.

Kohfeldt verteidigte Werder, „als wäre ich der erste Ultra“

„Zu diesem Klub hatte ich die größte Loyalität, die man sich nur vorstellen kann. Die maximale persönliche und emotionale Verbundenheit“, beschrieb er. „Inzwischen habe ich das reflektiert und weiß: Dadurch ist etwas entstanden, was nicht gut, nicht gesund war.“ Er habe den SVW nach außen so verteidigen wollen, „als wäre ich der erste Ultra“.

In Bremen habe er stets das Gefühl gehabt, „immer und überall allen zu zeigen, warum ich auf Profiniveau arbeiten darf. Das habe ich damals sogar unserem Teampsychologen gebeichtet.“ Das alles handhabt der heute 43-Jährige in Hessen anders: „Bei Werder war ich hunderttausend Prozent all-in, in allem. Auch in Darmstadt bin ich all-in, aber gesünder.“

Gut möglich, dass es auch dank dieser Herangehensweise mit dem Bundesliga-Aufstieg klappt. Darmstadt stellt derzeit den besten Sturm der 2. Bundesliga und setzt zudem auf neuartige Technologien. „Wir haben gemeinsam im Klub festgestellt: Spielerprofile, die wir brauchen, können wir uns auf dem deutschen Markt nicht leisten. Um konkurrenzfähig zu sein, müssen wir somit einen internationalen Kader managen.“

In der Darmstädter Kabine haben die Spieler Kopfhörer mit KI im Ohr

Damit die ausländischen Neuzugänge die Anweisungen von Kohfeldt im Detail versteht, nutzen die Darmstädter eine KI. „Wir haben entschieden, jede Ansprache von mir aufzunehmen, so lernt das Tool, was mit bestimmten Begriffen gemeint ist“, erläuterte Kohfeldt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine japanische Übersetzung für ‚diagonale Kette‘ gibt, die Sinn ergibt. Die KI ermöglicht, dass es auch Yosuke Furukawa versteht, in den richtigen Worten auf Japanisch.“

Ein weiteres Beispiel sei Torwart Marcel Schuhen, Spitzname „Schuh“: „Eine direkte Übersetzung würde auf allen Sprachen nur Verwirrung stiften. In der Kabine haben die Spieler Kopfhörer im Ohr und bekommen meine Ansprache simultan übersetzt, mit meiner Stimme, nur eben in der jeweils erforderlichen Sprache“, sagte Kohfeldt. „Zudem erhält jeder Spieler den entsprechenden Kontext. Aus ‚Schuh‘ wird nicht ‚Kutsu‘, das japanische Wort für den Schuh, den man am Fuß trägt. Der Spieler erkennt, dass es um unseren Torwart geht.“

„Das ist ja auch eine spannende Fallhöhe: in zwei Jahren zum Trainer des Jahres – und dann abgestürzt.“ (Florian Kohfeldt)

In seiner Zeit bei Werder waren solche Methoden noch undenkbar. 2017 übernahm Kohfeldt die Profi-Mannschaft, führte sie aus dem Tabellenkeller auf Platz 11 und erhielt vom DFB 2018 den Trainerpreis des deutschen Fußballs. „Für mich war das keine individuelle Auszeichnung“, blickte Kohfeldt nun zurück. „Ich habe sie stellvertretend entgegengenommen für eine tolle Saison 2017/2018, die wir mit Werder Bremen gespielt haben. Das war damals Werders beste Spielzeit seit langer Zeit und bis heute.“

Kurz vor Ende der höchst unbefriedigend verlaufenden Saison 2020/21 wurde er aber freigestellt – das unschöne Ende einer jahrelangen Verbindung. Längst hatte auch das öffentliche Bild des einstigen Trainertalents Schaden genommen. „Scheinbar bin ich jemand, bei dem Dinge sehr schnell überhöht wurden, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Dinge ganz schnell in die andere Richtung gedeutet werden können“, reflektierte Kohfeldt. „Das ist ja auch eine spannende Fallhöhe: in zwei Jahren zum Trainer des Jahres – und dann abgestürzt. Das alles gefällt mir nicht, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Zumal ich betonen will: Ich habe diese persönliche Überhöhung nie selbst betrieben.“

Für den Verlauf seiner letzten Spielzeit bei Werder, die mit dem Abstieg endete, hat Kohfeldt einen Erklärungsansatz. „Wir hatten damals vor der Saison intern ein klares Gespräch, in dem ich meinte: Mit dem Kader, da wird das nicht reichen, da können wir fußballerisch nicht das umsetzen, was wir wollen“, sagte er. „Und dann haben wir uns für den ekelhaftesten Fußball der Liga entschieden. 3-5-2, tief stehen, vorn hilft der liebe Gott – das hat rückblickend nicht zu mir gepasst. Heute würde ich das so nicht mehr machen.“

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