Leverkusens Kader ist gleichsam qualitativ wie quantitativ stark besetzt. Letzteres sogar zu stark, wie Manager Simon Rolfes einräumt. Deswegen hat eine erfolgreiche Europa-League-Saison für den Klub gleich doppelte Bedeutung. So stellt sie eine reelle Titelchance dar, die aber bei einem frühen Scheitern ein Problem mit dem (zu) großen Kader aufwerfen würde.
Rolfes räumt Problem der Kadergröße ein
Es ist – natürlich – der positive Blickwinkel. Als Simon Rolfes am Tag vor dem Europa-League-Spiel bei Lech Posen auf den hohen Konkurrenzkampf im Kader angesprochen wurde, betonte der Geschäftsführer von Bayer 04 die Erfolg versprechenden Aspekte des in der Offensive gar zu groß ausgefallenen Spielerangebots. „Wir haben versucht, einen Kader auch für viele englische Wochen zusammenzustellen, auch von der Qualität her, dass jeder Einzelne mit Selbstvertrauen spielen kann, aber natürlich auch mit dem Ehrgeiz und der Ambition, ein Topspiel zu machen. Ich glaube, dass wir in den vielen englischen Wochen alle brauchen werden.“
Kehrt ein Trio zurück, drohen Härtefälle
Ob alle am Ende dann aber auch wirklich alle sind, ist eine andere Frage. Selbst akut trifft dies nicht hundertprozentig zu. Und das, obwohl Eliesse Ben Seghir (Muskelverletzung) zumindest am Donnerstag in Posen sowie am Sonntag im Heimspiel gegen Spitzenreiter SC Freiburg nicht zur Verfügung steht, wie Rolfes erklärt. „Er wird diese Woche auf jeden Fall ausfallen und ich weiß nicht genau, wann er nächste Woche einsteigen kann“, sagt der Manager, „aber diese Woche ist er nicht dabei.“
Und selbst obwohl auch Flügel-Talent Montrell Culbreath, der am Mittwoch wieder mit der Mannschaft trainierte nach Rückstand aufweist, und mit diesem Duo sowie Mittelstürmer Christian Kofane (Muskelfaserriss im Oberschenkel) gleich drei Offensivkräfte ausfallen, kommt es dennoch zu einem Hauen und Stechen. Wenn das Trio zurückkehrt, wird es aufgrund der Dreifachbesetzung aller vier Offensiv-Positionen gleich einige Härtefälle geben.
Rolfes macht keinen Hehl daraus, dass das Überangebot gerade in der Offensive zu Problemen führen kann, wie sich schon am Samstag beim 4:3-Sieg in Mainz an der Fehl-Reaktion des nicht eingewechselten Victor Boniface zeigte, der sich einen Affront gegen den Teamgeist leistete. „Wir haben natürlich schon ein, zwei Spieler mehr, als wir es früher hatten. Und natürlich ist es nicht so einfach, wenn ein Spieler nicht im Kader ist oder weniger Spielzeit bekommt“, räumt der Ex-Profi ein, der weiß, dass Bayer akut von dem einen oder anderen Ausfall gar profitiert.
„Jetzt im Moment gibt es ja auch immer noch Verletzungen, sodass das immer noch geht. Aber ja, es ist für die Spieler nicht ganz so einfach, diese Situation zu händeln“, sagt er und stellt zugleich die Forderung: „Und sie müssen natürlich versuchen, wenn sie dann Minuten kriegen, dass sie die bestmöglich nutzen, damit der Trainer auch von allen Spielern möglichst viel Gebrauch macht.“
„Natürlich gehen wir in der Europa League mit einer anderen Rolle in den Wettbewerb als in der Champions League.“ (Simon Rolfes)
Carles Martinez wird in extremer Form als Moderator gefordert sein, damit die Chemie im Kader nicht leidet. Wobei es für Bayer 04 – allerdings nur unter diesem einen Aspekt – ein Vorteil ist, nicht in der Champions League anzutreten. Bietet die Europa League im Vergleich zu Königsklasse doch mehr Freiheiten zu rotieren. „Das ist auf jeden Fall ein Wettbewerb, in dem du auch die Möglichkeit hast, die Spielzeit auf mehr Spieler zu verteilen als in der Champions League“, weiß Rolfes, „das ist natürlich eine Chance, dass sich mehr Spieler über Einsatzzeit auch entwickeln, auf ein anderes Niveau kommen. Und wir haben noch viele Spieler, die Potenzial haben, die diese Erfahrung brauchen, um ihr individuelles Topniveau zu erreichen. Dafür ist dieser Wettbewerb auch eine Chance.“
Die sich natürlich auch hinsichtlich eines möglichen Titelgewinns ergibt. Stand Bayer 04 doch 2023 im Halbfinale sowie 2024 gar im Endspiel der Europa League und schnupperte schon am großen internationalen Coup. „Das ist natürlich eine Chance. Natürlich gehen wir in der Europa League mit einer anderen Rolle in den Wettbewerb als in der Champions League, das ist ja ganz klar“, sagt Rolfes und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies die des Titelkandidaten ist: „Einen Europapokal haben wir bei uns im Stadion“, erklärt er mit dem Hinweis auf den 1988 gewonnenen UEFA-Cup, „aber der Erfolg ist schon lange her.“
„Im Herbst ist das noch nicht alles spektakulär, aber da werden die Grundlagen für eine erfolgreiche Europapokalsaison gelegt.“ (Simon Rolfes)
Ein Triumph, der eine Auffrischung gebrauchen könnte. „Das ist etwas Besonderes“, sagt Rolfes mit der Sehnsucht nach der nächsten Silberware nach dem Double 2024. Und fügt mit Blick auf das Spiel bei Lech Posen an, das zwar eine heiße Atmosphäre, aber vom Namen des Gegners her noch keine magische Nacht verspricht: „Im Herbst ist das noch nicht alles spektakulär, aber da werden die Grundlagen für eine erfolgreiche Europapokalsaison gelegt.“
Die dann im Frühjahr auch dabei helfen würde, das Spannungsfeld aufgrund des Überangebots im Kader zumindest etwas besser moderieren zu können. Ohne englische Wochen würde dies nahezu unmöglich werden. Weshalb Leverkusens internationale Performance für den Klub und Trainer Martinez gleich doppelt wichtig ist.

