Dieter Hecking hat seinen Retterjob beim VfL Wolfsburg angetreten, obwohl er gar kein Feuerwehrmann sein will. Der neue Trainer hat schon im Vorfeld bemerkenswerte Beobachtungen gemacht.
Wolfsburg-Rückkehrer legt los
Er ist wieder da. Fast zehn Jahre ist es her, dass Dieter Hecking beim VfL Wolfsburg nach großen Erfolgen entlassen wurde, nun ist er zurückgekehrt. Als Retter, so die große Hoffnung des abgestürzten VW-Klubs, für den der Rückstand ans rettende Ufer seit diesem Wochenende auf vier Punkte angewachsen ist.
Viele haben den VfL nach den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Monate, ja, eigentlich Jahre, schon abgeschrieben, die personifizierte Hoffnung auf die späte Wende in dieser Saison nahm nun auf dem Podium Platz. „Die Lage ist nicht gut“, weiß der 61-Jährige, „sonst wäre ich nicht hier.“
Kann Hecking zum Heiland werden? „Es ist machbar“, sagt der Fußballlehrer mit Blick auf den Klassenerhalt. Wohl wissend, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. „Ich bin zuversichtlich, dass ich relativ schnell ein paar Hebel in Bewegung setzen kann, dass die Mannschaft da mitgeht. Ich bin ab heute dafür da, diesem Kader ein Gesicht zu geben.“
Ein Kader, der schwere Defizite aufweist, „sonst würde er nicht auf Platz 17 stehen“. Hecking will niemandem einen Vorwurf machen, lobt sogar Ex-Geschäftsführer Peter Christiansen, der in der vergangenen Woche noch bei den Gesprächen dabei war, der Coach aber spricht von einer „Unwucht“ im Aufgebot, von fehlendem Tempo im Mittelfeldzentrum. Von offensichtlichen Dingen, die zuletzt gerne noch totgeschwiegen wurden.
Geideck und Ural im Trainerteam – und auch Klamt?
Der neue Trainer, von 2012 bis 2016 schon einmal in Wolfsburg, ist nicht gekommen, um den Verantwortlichen ein gutes Gefühl zu geben. Sondern Wahrheiten, die lange genug zumindest im öffentlichen Diskurs zurückgehalten wurden, auf den Tisch zu legen. Hecking will kein Feuerwehrmann sein, betont er, dennoch hat er erst einmal einen Vertrag bis zum Saisonende unterschrieben.
Ebenso seine Co-Trainer, die er mitbringt: Mit Frank Geideck, den er als „Fußballnerd“ bezeichnet, hat er bereits in Mönchengladbach zusammengearbeitet. Mit dem mehrsprachigen Schweizer Murat Ural in Bochum. Mit Julian Klamt, Wolfsburger Vereinslegende, die zuletzt auch dem Trainerteam unter Vorgänger Daniel Bauer angehörte, soll es am Montag noch ein „ergebnisoffenes Gespräch“ geben.
„Wenn die Ersatzbank eingeblendet wird und du siehst diese Leere in den Gesichtern, dass da nichts brennt, dann verstehe ich, dass Kritik am Gesamtbild laut wird.“ (VfL-Trainer Dieter Hecking und seine Beobachtungen im Vorfeld)
Ab Dienstag geht es für Hecking auf den Trainingsplatz, es sind direkt mal zwei Einheiten angesetzt, was beim VfL zuletzt eine Seltenheit war. Der Trainer muss seine Mannschaft kennenlernen – mit Kapitän Maximilian Arnold arbeitete er schon in guten VfL-Zeiten zusammen -, er muss ein Gefühl für Spieler, System, für Stärken und Schwächen entwickeln.
Regiert er dabei mit harter Hand? Hecking wird deutlich: „Wenn Spieler nicht mitziehen, werden sie nicht mehr oft spielen. Das werde ich nicht zulassen, egal, wer es ist.“ Der Trainer hat sich vorbereitet, er hat Spiele gesehen. Und dabei auch auf Feinheiten geachtet. „Wenn die Ersatzbank eingeblendet wird und du siehst diese Leere in den Gesichtern, dass da nichts brennt, dann verstehe ich, dass Kritik am Gesamtbild laut wird“, sagt er und fordert: „Da muss eine andere Energie rein in die Truppe. Wir werden sehr schnell merken, wer bereit ist, diese Energie mitzugeben – und wer nicht. Und dann ist er nicht dabei.“
Klare Ansage eines Mannes, dem die Profis nichts vorspielen können. „Ich kann schon einschätzen, ob jemand mit vollem Herzen dabei ist oder mit den Gedanken schon woanders. Diese Störfeuer werde ich nicht zulassen.“
Hecking wird durchgreifen, wenn es notwendig ist, er will aber auch als Menschenversteher auftreten. Er weiß, dass er eine Mannschaft vorfinden wird, die nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzt nach 15 Saisonniederlagen in 25 Spielen. „Gerade jetzt“, sagt der Coach, „geht es auch darum, vertrauensvoll mit den Spielern umzugehen und sie zu hören: Was sind ihre Argumente, was wünschen sie sich?“ Er will den Profis das Gefühl geben, dass sie „als Mensch, als Persönlichkeit“ gesehen werden. „Es braucht eine vertrauensvolle Kommunikation.“
Siege gegen Dortmund und die Bayern als Mutmacher
Und es braucht Punkte, am besten schon am Samstag (15.30 Uhr, LIVE! bei kicker) bei der TSG Hoffenheim. In der vergangenen Saison konnte Hecking den VfL Bochum nicht retten, gleichwohl setzte er rasch einen Impuls, gewann Spiele gegen Borussia Dortmund (2:0) und sensationell beim FC Bayern (3:2). Nichts ist unmöglich, das will Hecking zum Ausdruck bringen. Und er ist überzeugt: „Die Qualität in Bochum war geringer als hier.“

