Die Hierarchie in Leverkusens defensivem Mittelfeld ist in dieser Saison bislang klar. Mit Aleix Garcia bildet Ezequiel Fernandez die Stamm-Doppelsechs. Der Aufstieg des Neu-Nationalspielers könnte Routinier Robert Andrich aber jetzt eine Chance eröffnen.
Duell auf der Doppelsechs fürs Mainz-Spiel
Die Konstellation hat sich komplett verändert. War Robert Andrich in der vergangenen Saison als Kapitän und Abwehrchef der Dreier- beziehungsweise Fünferkette gesetzt, so hat der 32-Jährige in diesem Sommer massiv an Status eingebüßt. Aus dem Dauerbrenner wurde ein Verkaufskandidat. Aus dem Stammspieler ein Reservist.
Andrich hat sich herangekämpft und hofft auf mehr Startelf-Chancen
Doch der frühere deutsche Nationalspieler, den Bayer 04 in der abgelaufenen Transferperiode gerne abgegeben hätte, hat sich wieder herangekämpft. Erst über Joker-Einsätze in der Liga, im ersten Spiel der Europa League gegen NK Celje (2:0) auch erstmals wieder als Teil der Startelf.
Auch wenn er diese danach beim 2:0-Sieg gegen Leipzig wieder verlassen musste, rechnet sich der meinungsstarke Profi mit Führungsanspruch durchaus Chancen aus, wieder öfter zur Anfangsformation der Elf von Trainer Carles Martinez zu gehören. Und dazu könnte jetzt ausgerechnet der märchenhafte Aufschwung seines direkten Konkurrenten Ezequiel Fernandez beitragen.
Fernandez kann wohl nur das Abschlusstraining bestreiten
Der Argentinier, zu Beginn der Vorbereitung ebenfalls ein ganz heißer Verkaufskandidat, hat sich mittlerweile zum Nationalspieler des dreimaligen Weltmeisters gemausert. Beim 4:0 gegen Bolivien debütierte der 24-Jährige für die Albiceleste, und auch wenn er danach gegen Burkina Faso (6:0) und in der Partie gegen Benin (3:0), die am Mittwochmorgen um 1 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit angepfiffen wurde, nicht zum Einsatz kam beziehungsweise gar nicht im Aufgebot stand, wird Fernandez nach einem anstrengenden Reisetag nach Leverkusen zurückkehren.
Dort soll er am Donnerstag regenerieren und am Freitag das Abschlusstraining bestreiten. Und dies eröffnet Andrich wohl zumindest die Aussicht, am Samstag in der Partie bei Mainz 05 beginnen zu dürfen. Ob Fernandez und sein Teamkollege und Verteidiger Facundo Medina trotz der Strapazen am Samstag beginnen können, „hängt davon ab, wie sie die Reise verkraften“, sagt Simon Rolfes.
„Arturo Vidal hat nach Länderspielreisen seine besten Spiele gemacht.“ (Simon Rolfes)
Der Geschäftsführer führt Beispiele aus der Vergangenheit an, die solche Trips scheinbar problemlos wegsteckten. „Arturo Vidal hat danach seine besten Spiele gemacht“, erinnert sich Rolfes, „und er hatte aus Chile die längste Reise, musste noch einmal mehr umsteigen.“ Vidal wie auch in jüngerer Vergangenheit der Ecuadorianer Piero Hincapie (inzwischen FC Arsenal) und der Argentinier Exequiel Palacios (heute Ipswich Town) meldeten sich nach Länderspielreisen meist einsatzfähig.
Der Chilene Charles Aranguiz reiste im März 2019 gar von einem Länderspiel in Houston direkt einen Tag vor dem Spiel bei der TSG Hoffenheim (1:4) gen Sinsheim und wurde an jenem Freitagabend bereits in der 26. Minute eingewechselt. Auch wenn seine Leistung eher unauffällig (kicker-Note 4) ausfiel, zeigt der Fakt, was prinzipiell möglich ist.
Martinez zwischen Risiko bei Fernandez und Signal an Andrich
Martinez muss jetzt abwägen. Geht er vor dem nun anstehenden Marathon englischer Wochen ein kleines Restrisiko ein, dass sich Fernandez verletzt und setzt auf seine Stammbesetzung auf der Doppelsechs? Oder gibt er Andrich das Zeichen, dass er wirklich der „wichtige Spieler“ für den Kader ist, als den ihn der Spanier nach dessen Rehabilitierung bezeichnete?
Eine knifflige Frage für den Trainer. Besitzen die Partien in Mainz und am Sonntag nächster Woche gegen Freiburg doch angesichts des mäßigen Starts mit nur sieben Punkten aus vier Spielen eine hohe Bedeutung für den Werksklub. Fernandez in diesen beiden Begegnungen beginnen zu lassen und Andrich, der die komplette Länderspielperiode in Leverkusen trainierte, am Donnerstag in der Europa League in dem nicht so bedeutsamen Spiel bei Lech Posen, wäre naheliegend.
Beruft Martinez aber Andrich in Mainz in die Anfangsformation, müsste er diesen auch in Posen starten lassen, wenn er Fernandez frisch fürs Freiburg-Spiel zur Verfügung haben möchte. Eine Variante, die zum Nachteil hätte, dass der Argentinier dann vor dem Freiburg-Spiel seit zweieinhalb Wochen ohne Spielpraxis wäre.
Eine Königslösung bietet sich nicht an. Vielmehr steckt Martinez in einer Zwickmühle. Verzichtet er in Mainz wirklich, was unwahrscheinlich ist, auf Aufsteiger Fernandez? Oder gibt er Andrich das dann eindeutige Signal, in erster Linie nur noch als Notnagel ohne echte Stammplatz-Chancen zu fungieren? Die psychologische Komponente spielt definitiv mit. Leverkusens neuer Trainer ist also in jedem Fall nicht nur als Entscheider, sondern auch als Moderator gefragt.

