BVB-Ikone Wolfgang Paul war ein Vorbild für Generationen, kommentiert unser langjähriger Dortmund-Reporter Thomas Hennecke. Ein persönlicher Nachruf zum Tod des „Stoppers“.
Persönliche Würdigung zum Tod von Wolfgang Paul
Wer das an einem Hang gelegene Haus von Wolfgang Paul im sauerländischen Bigge-Olsberg betritt, entdeckt am Ende eines kurzen Flures eine Treppe nach unten. Sie führt in ein kleines, sehr persönliches Museum, in dem Paul Erinnerungen an seine wunderbare Karriere gesammelt hat. Trikots, Trophäen, Fotos, ein Ball aus dem Weltmeisterschaftsfinale 1966.
Auch ein Plakat von den Australian Open, dem Grand-Slam-Turnier in Melbourne, hängt dort. Paul und seine Ehefrau Almuth sind viel gereist, nach Südafrika, Australien oder ein paarmal in die USA. Eine Tour führte dieses Paar, das mehr als 58 Jahre miteinander verheiratet war, nach New York, zu einem Spiel von Franz Beckenbauer, damals gemeinsam mit Pelé bei Cosmos unter Vertrag.
Am Sonntag hat Wolfgang Paul seine letzte Reise angetreten, er ist im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Mit ihm verliert die Dortmunder Borussia einen ihrer größten Spieler aller Zeiten, Klublegende und Ehrenspielführer, Vorbild für Generationen. Sein Spitzname „Stopper“ geht auf Ex-Präsident Dr. Reinhard Rauball zurück, man hat ihn auch eine „Sauerländer Eiche“ genannt. Pauls Erklärung: „Die Eiche ist groß und robust. Sie ist hart und lange haltbar.“ Aber leider nicht ewig.
Ein filigraner Meister fürs Grobe auf dem Rasen
Wem er das „Du“ anbot – so wie mir auf einer Champions-League-Reise des BVB – empfand dies als Ritterschlag. Zu Interview-Terminen empfing Paul mich in seinem Wohnzimmer, an dessen Wänden ein halbes Dutzend Uhren hängt, mindestens. Auch wer nicht im Thema steckt, würde schnell erraten, welchen Beruf Paul erlernt und bis 2018 ausgeübt hat: Er war Uhrmachermeister. Schmunzelnd habe ich die Tassen betrachtet, in denen Almuth Paul als zuvorkommende Gastgeberin frischen Kaffee zum selbstgemachten Kuchen servierte: Sie waren mit Uhren-Ornamenten verziert.
Als Spieler war Paul, der je nach System als Libero, Ausputzer, Vorstopper oder Mittelläufer eingesetzt wurde, der Mann fürs Grobe. In seiner Werkstatt war er der Mann fürs Filigrane. Er war der feine Mann fürs Grobe.
Die „sauerländische Eiche“ ließ sich von niemandem verpflanzen
Seinen ersten Vertrag als Fußballer unterschreibt Vater Karl für ihn, Wolfgang Paul ist noch nicht volljährig. „Dass ich Profi wurde, war sein Wunsch“, verriet der junge Spieler später. 400 Mark zahlt ihm der BVB als Einstiegsgehalt, mit der Gründung der Bundesliga sind es dann 1200 Mark. 1963 feiert er den Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit dem BVB, 1965 wird er Pokalsieger, 1966 gewinnt er den Europapokal der Pokalsieger. Im selben Jahr wird er Vize-Weltmeister, ohne jemals ein Länderspiel für Deutschland bestritten zu haben. Willi Schulz versperrt ihm den Weg.
Reich wird Wolfgang Paul als Fußballer nicht. Nur 6000 Mark Prämie spendiert der BVB für den Europapokal-Triumph in Glasgow. Woanders könnte er mehr verdienen, dazu müsste er Bigge-Olsberg, das Sauerland und Borussia Dortmund verlassen. Aber das will er nicht.
Das wohl beste Spiel seiner Karriere macht Wolfgang Paul im Europapokal-Halbfinale 1965/66 gegen West Ham United. Die Engländer sind so begeistert von dem kernigen Abwehrspieler, dass sie ihn vom Fleck weg engagieren wollen. Dass ein Angebot vorliegt, erfährt Paul erst vier Wochen später. Macht nichts, vertraut er mir an, „für mich war immer klar, dass ich nicht weggehe.“ Auch Borussia Mönchengladbach und der Hamburger SV packen ihre Offerten enttäuscht wieder ein. Für Paul, diese treue Seele, galt: „Einmal Borusse, immer Borusse. Dieser Klub war eine Herzensangelegenheit für mich.“
Dass er zum Lebensretter wurde, wollte er für sich behalten
Bodenständigkeit und Bescheidenheit prägen den Lebenslauf des Sauerländers. Selbst als er 1965 am Gardasee einen Jungen vor dem Ertrinken rettet, will Paul das nicht an die große Glocke hängen. Mit drei Freunden zeltet er am Gardasee, auf einmal hören sie Schreie. „Niemand unternahm etwas“, erinnerte sich Paul, „da bin ich eben reingesprungen und habe den Jungen rausgezogen. Mein Schwager, der nicht besonders gut schwimmen konnte, hatte mehr Angst um mich als um den Jungen.“ Erst viel später wird diese Heldentat bekannt. „Ich wollte nicht, dass das publik wurde“, sagt er. „Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, den Jungen zu retten.“
Kurz vor seinem 85. Geburtstag im Januar 2025 empfängt mich Wolfgang Paul noch einmal zu einem Gespräch in Olsberg. Wir reden über seinen Lieblingsgegner Uwe Seeler („Ihm ist gegen mich nie ein Kopfballtor gelungen“) und über seinen Angstgegner Gerd Müller („Auf ihn und seine kurzen Drehungen musste man höllisch aufpassen“). Wir sprechen auch darüber, dass von der 66-er Mannschaft nur noch drei Spieler leben: Sigi Held, Theo Redder und er. Jetzt sind es nur noch zwei.

