Den größten Schritt Richtung Rettung hat der Hamburger SV am Samstag vor dem Anpfiff verbucht. Während der 90 Minuten gegen die TSG Hoffenheim blieb der personell arg gebeutelte Aufsteiger dann auch im sechsten Spiel in Folge sieglos, hat nur eines der letzten zehn Spiele gewonnen. Folgenschwer aber ist das 1:2 nicht.
Polzins Problemverlagerung mit Mikelbrencis
Durch St. Paulis 0:2-Niederlage in Heidenheim und das Wolfsburger 0:0 gegen Mönchengladbach waren wichtige Weichen bereits am Samstagnachmittag gestellt worden, bevor die Partie der Hamburger überhaupt angepfiffen wurde. Der Vorsprung auf den Relegationsrang beträgt weiterhin fünf Punkte und ein um elf Treffer besseres Torverhältnis, auf den ersten Abstiegsplatz sind es gar sechs Zähler und neun Tore.
Da der Kiez-Klub und der VfL am 34. Spieltag aufeinandertreffen, ist ein Überholmanöver mit jedem weiteren Spiel unwahrscheinlicher.
Ein dezenter Fortschritt, aber in dieser personellen Konstellation reicht es nicht
Es spricht augenblicklich viel dafür, dass der Hamburger SV auch in der kommenden Spielzeit Bundesligist ist. Es spricht allerdings einiges dagegen, dass er sich in der laufenden Saison noch selbst aktiv rettet. Gegen die Kraichgauer gelang im Vergleich zu den jüngsten Vorträgen in Stuttgart (0:4) und Bremen (1:3) ein dezenter Fortschritt, in der aktuellen personellen Konstellation aber fehlt zu viel, um ein Spiel im deutschen Oberhaus gewinnen zu können.
- Die aktuelle Tabelle
Luka Vuskovic trat erst nach Abpfiff in der Mixed Zone des Volksparkstadions in Erscheinung, als er mit Hoffenheims Landsmann Andrej Kramaric das Trikot tauschte. Während der Partie wurde der Abwehrchef abermals schmerzlich vermisst, er ist aber nicht der einzige Profi, den der HSV nicht adäquat ersetzen kann. Auf das vorzeitige Saison-Aus von Miro Muheim (Syndesmoseverletzung) hatte HSV-Trainer Merlin Polzin erwartungsgemäß mit der Versetzung von William Mikelbrencis von der rechten auf die linken Schiene reagiert. Das war am Ende nicht mehr als eine Problemverlagerung.
“Seit Wochen hatte der Franzose auf rechts durch haarsträubende Stellungsfehler bei Gegentreffern Pate gestanden, am Samstag fielen beide Tore über die linke Seite – weil Mikelbrencis komplett abgeschaltet hatte. Vor dem 0:1 machte er die entscheidenden Meter mit Vorlagengeber Vladimir Coufal nicht mit, obwohl dieser auf dem Weg zur Flanke noch den Schiedsrichterassistenten umkurven musste; vor dem 1:2 unmittelbar vor der Pause ließ er Tim Lemperle aus den Augen. Nicolai Remberg bemühte in der Analyse anschließend den diplomatischen Dienst: „Wir kriegen die Gegentore zu einfach.“ Eine beinahe noch verniedlichende Formulierung für Mikelbrencis‘ Schläfrigkeit.
Polzin: „Wir wollen nichts schönreden“
Mikelbrencis‘ zweiter Aussetzer fiel in eine Phase, da der HSV nach dem glücklichen Elfmeterpfiff für Robert Glatzel und dem Ausgleichstreffers des wieder wichtigen Mittelstürmers kurzzeitig an einem Punkt geschnuppert hatte, der bereits vorentscheidend im Abstiegskampf gewesen wäre. Nach der Pause wehrte sich der HSV zwar leidenschaftlich, ist aber mit der Vielzahl an Ausfällen ganz offensichtlich limitiert. Zu limitiert für die TSG – und auch für die kommenden Schwergewichte Frankfurt, Freiburg und Leverkusen?
Die Rechnung, dass nun womöglich die Konkurrenz und in erster Linie gar der Stadtnachbar den HSV rettet, macht Polzin indes nicht auf: „Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir drei Spiele vor Saisonenende fünf Punkte Vorsprung haben. Denn wir haben dafür auch etwas getan.“ Aus seiner Sicht haben die Seinen auch gegen den Champions-League-Anwärter wieder darauf eingezahlt, um künftig wieder für Punktgewinne infrage zu kommen. „Es war inhaltlich ein vernünftiges Spiel“, reklamiert der Trainer zu Recht. Aber er konstatiert ebenso richtig: „Wir wollen nichts schönreden. Situationen wie vor beiden Gegentoren haben wir in dieser Saison schon besser verteidigt.“

