Beim 0:0 am Millerntor zeigt Eintracht Frankfurt eine stabile Defensivleistung, Verteidiger Aurele Amenda stellt einen Rekord auf. Doch in der Offensive gerät das Spiel zu statisch und langsam, es mangelt an Ideen – und einem zweiten Stürmer.
SGE ohne Plan B in der Offensive
Er ist erst seit fünf Wochen im Amt, das größte Problem von Eintracht Frankfurt in dieser Saison konnte Albert Riera aber bereits beheben: Die Hessen sind nicht länger die Schießbude der Liga. In drei der fünf Partien stand unter dem Spanier hinten die Null. Auch dank des nötigen Quäntchens Glück bei Aluminiumtreffern der Gegner.
Mehr Dichte im Mittelfeld
Seine Mannschaft agiert kompakter, sichert die Tiefe besser ab und kontrolliert im Mittelfeld das Spiel. Riera setzt im 4-1-4-1 auf drei Mann im Zentrum vor der Abwehr, zudem rückt Außenverteidiger Nathaniel Brown in Ballbesitz ins Mittelfeld. Das Spiel ist auf diese Weise deutlich engmaschiger geworden, der Gegner kommt nicht mehr so leicht durch und zu Torchancen.
Bevor Riera übernahm, hatten oft ein, zwei Pässe in die Tiefe gereicht, um den gesamten Defensivverbund auszuhebeln. Frankfurt presste hoch, aber nicht kompakt und ohne die nötige Absicherung. Anfang des Jahres tauchten die Gegner reihenweise frei vor dem Torwart auf. Hinzu kamen unzählige kapitale individuelle Fehler, es herrschte große Verunsicherung.
Aktuell fällt nicht mal ins Gewicht, dass in Rasmus Kristensen und Arthur Theate zwei potenzielle Leistungsträger langfristig ausfallen. Theate-Vertreter Aurele Amenda nutzt seine Bewährungschance, wirkt immer sicherer und steigert sich von Spiel zu Spiel. Der 22 Jahre alte Schweizer Nationalspieler ist mit seinen 1,94 Metern gleichermaßen Ruhepol und Fels in der Brandung. Am Millerntor gewann er 56 Prozent seiner Zweikämpfe, in der gesamten Saison sind es sogar 63 Prozent.
So viele Ballkontakte hatte noch kein Frankfurter
Trotz seiner Größe ist er technisch versiert und traut sich, auch flache Pässe mit Präzision in enge Räume zu spielen. Mit 168 Ballkontakten stellte er gegen St. Pauli einen Rekord auf: So viele Ballkontakte in einem Spiel hatte seit Beginn der Datenerfassung noch kein Frankfurter Spieler. Den alten Rekord hielt Theate mit 153 Ballkontakten am 33. Spieltag 2024/25, als die Eintracht ebenfalls auf St. Pauli traf (2:2).
Noch im Januar wollte Amenda wegen der geringen Spielpraxis unter Ex-Coach Dino Toppmöller weg. Sportvorstand Markus Krösche handelte weitsichtig, indem er einem möglichen Wechsel den Riegel vorschob. Im Interview mit Absolut Fußball sagte der Verteidiger vor wenigen Tagen: „Ich hatte wenig Spielzeit. Das war natürlich unbefriedigend für meine Entwicklung. Dabei mag ich die Eintracht sehr, es ist ein großer Verein in Europa. Ich fühle mich hier sehr wohl. Aber es ist wichtig, im Rhythmus zu sein und Vertrauen zu spüren. Es gab das Interesse anderer Vereine. Aber Markus Krösche hat viel mit mir gesprochen und gesagt, dass mein Weg in Frankfurt weitergeht.“
In der Offensive fehlt ein Plan B
Offensiv enttäuschte die Eintracht gegen St. Pauli allerdings komplett. Der hohe Ballbesitzanteil von 72 Prozent geriet zur brotlosen Kunst, nur in den ersten Minuten spielte die SGE schwungvoll nach vorn. Riera findet lobende Worte für die defensive Stabilität und die Leidenschaft, stellt aber auch selbstkritisch fest: „Mit dem Ball können wir es viel besser machen.“ Der Coach fordert, deutlich schneller und mit weniger Kontakten zu spielen.
Auch Sportvorstand Krösche moniert: „Wir haben sehr viel Kontrolle, lassen wenige Umschaltmomente zu. Aber wir müssen sehen, dass wir deutlich mehr Torchancen herausspielen.“ Phasenweise erinnerte die Partie an Rieras erstes Spiel bei Union Berlin (1:1), als die Eintracht ebenfalls sehr viel Ballbesitz hatte (73 Prozent), aber kaum kreative Lösungen fand. Der Coach wünscht sich mehr Risiko im vorderen Drittel.
Diskutabel ist, dass er gegen den tiefen Abwehrblock von St. Pauli auf einen zweiten Stürmer verzichtete. Der gelernte Angreifer Arnaud Kalimuendo war außen abgemeldet. Wahrscheinlich hätte er als zweite Spitze mehr bewirken können. Lediglich im Spiel gegen den Ball orientierte sich Kalimuendo in die Mitte und lief als zweiter Mann neben Jonathan Burkardt an.
Offensiv fehlte ein Plan B. Mit Kalimuendo als zweiter Spitze wäre mehr Präsenz im Strafraum möglich gewesen. Durch gegenläufige Bewegungen hätte es gelingen können, die Abwehrkette auseinanderzuziehen. So hätten sich Burkardt und Kalimuendo gegenseitig mehr Platz verschaffen können.
Der Nachteil inverser Außenverteidiger
Allerdings versäumte es auch Mittelfeldspieler Fares Chaibi, situativ mehr in die Tiefe zu stoßen. Alles in allem agierte das Team im Angriffsdrittel zu brav und behäbig, Burkardt hing in der Luft und bekam kaum brauchbare Zuspiele. Bezeichnend: Die einzige Frankfurter Torchance besaß Jean-Matteo Bahoya direkt zu Beginn der zweiten Hälfte (46.). Das ist viel zu wenig für die Ambitionen der Hessen.
Ein weiteres Thema ist Rieras Entscheidung, auf inverse Außenverteidiger zu setzen, indem er Brown und Nnamdi Collins wie bereits gegen Freiburg auf der „falschen“ Seite aufstellte. Damit stärkt der Coach zwar das Zentrum, verzichtet aber darauf, dass die nominellen Außenverteidiger mit ihrem Tempo die Flügelspieler hinterlaufen können. Am Millerntor fehlte über die Außen der Schwung, Bahoya und Kalimuendo fanden kaum den Weg in die torgefährlichen Räume.
Im kommenden Heimspiel gegen Heidenheim werden solche Details wahrscheinlich nicht ausschlaggebend sein. Eine oder zwei Spitzen? Inverse Außenverteidiger? Den Tabellenletzten muss die Eintracht losgelöst von solchen Fragen besiegen. Aufschlussreicher wird das Spiel eine Woche später in Mainz, wo sich Frankfurt schon oft die Zähne ausgebissen hat.

