Claus Costa hat am Sonntagabend für seine Zustandsbeschreibung des HSV eine Begrifflichkeit gewählt, die an vielen Standorten eine Trainerdiskussion mindestens eingeleitet hätte. Der HSV sei „auseinandergebrochen“, analysierte der Sportdirektor. In Hamburg aber wird Merlin Polzin gestützt und steht vor der Verlängerung.
HSV-Bosse bekräftigen Grundsatzentscheidung
Zwei 0:5-Pleiten in Folge, 0:12 Tore und null Punkte nach drei Partien – der HSV ist historisch schlecht gestartet, eine Trainerdiskussion aber wird nicht geführt. Vor dem Anpfiff in Leipzig hatte Sportvorständin Kathleen Krüger bei DAZN abermals bekräftigt, dass die Einigung über eine Ausdehnung des auslaufenden Arbeitsvertrages erfolgt sei. Allein die Wahl nach dem richtigen Zeitpunkt erscheint nun schwierig.
Vor Köln muss es um Inhalte und nicht um Signale gehen
„Wir wissen, dass wir gemeinsam in die Zukunft gehen werden“, sagte Krüger und meinte damit das komplette Trainerteam – auch den von Hannover 96 begehrten Assistenten Loic Favé. Klar ist zweierlei: Eine Verkündung dieser wichtigen Personalie vor dem Saisonstart mit einem enorm anspruchsvollen Auftaktprogramm hätte das Thema gar nicht erst so groß werden lassen. Und: Nach zwei 0:5-Pleiten erscheint ein Vollzug vor dem anstehenden Richtungsweiser gegen Köln aus verschiedene Gründen unangebracht.
Claus Costa hatte in den Katakomben der Leipziger Arena erklärt, der HSV werde jetzt keinen Aktionismus betreiben. Er wollte damit natürlich in erster Linie ausdrücken, dass nun keine Hektik erzeugt werde, aber: Auch die Verkündung dieser Personalie gerade jetzt könnte als Aktionismus ausgelegt werden. Aktionismus, der nicht nötig ist, da Polzin grundsätzlich zu Recht einen Vertrauensvorschuss genießt.
Der 35-Jährige hat es im Verbund mit seinem Trainerteam in der Vorsaison geschafft, genau jene Verbindungen herzustellen, auf die es auch nach dem jüngsten Kaderumbau ankommt. Ihm ist außerdem gelungen, den Fußball dahingehend zu verändern, dass die Mannschaft im Jahr eins nach dem Aufstieg schnell Wettbewerbsfähigkeit erlangte. Nur, welcher Fußball passt zu dieser veränderten Mannschaft?
Klare Signale, aber ein Problem
Der neue HSV sollte widerspenstig wie der alte Kader sein, spielerisch aber einen Schritt nach vorn kommen. Die Transfers von Fabio Vieira, David Möller Wolfe und Zakaria El Ouahdi waren klare Signale in diese Richtung. Ein Problem aber ist: Die beiden neuen Außenverteidiger Wolfe und El Ouahdi definieren sich sehr über Offensivaktionen, das geht zwangsläufig zu Lasten der Stabilität.
Erschwerend hinzu kommt: Die Dreierkette ist ohne Luka Vuskovic deutlich schwächer geworden. Die gewisse Stabilität von Jordan Torunarigha in weiten Teilen der vergangenen Rückrunde hing maßgeblich auch mit der Klasse des abgewanderten Abwehr-Chefs zusammen. Dessen Nachfolger Sebastiaan Bornauw, in Leipzig angeschlagen, kann diese Rolle noch nicht ausfüllen. Ohne Führung irrlichtert auch Nicolas Capaldo in bisher nicht gekannter (und nicht erwarteter) Form durch das Abwehrzentrum. Dass der 19-jährige Shafiq Nandja in Leipzig überfordert war, ist auch dem Alter des Eigengewächses geschuldet, und doch stellt sich die Frage: Ist die Dreierkette in dieser personellen Zusammenstellung bundesligatauglich? Oder liegen die akuten Defensivprobleme in erster Linie am noch nicht funktionierenden Verbund?
„Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollen“, sagt Costa. Er ist aber sicher, in der Konstellation mit Polzin ans Ziel zu kommen. „Ich nehme unser Trainerteam sehr fokussiert, analytisch und rational wahr. Die Inhalte werden auch jetzt wieder im Fokus stehen. Die Trainer werden Ansätze finden, damit wir defensiv anders auftreten.“ Costas Überzeugung in den Coach ist nicht gespielt und wird daher in einer Verlängerung münden. Der ideale Zeitpunkt dafür indes wäre nicht vor Köln – damit der Fokus auch tatsächlich auf den Inhalten und nicht auf Signalen nach außen liegt.

