Nach dem Fehlstart ins neue Jahr mit dem 1:2 in Freiburg steht der HSV vor einer sportlich wegweisenden Woche mit Heimspielen gegen Leverkusen und Mönchengladbach – und muss gleichzeitig außersportliche Schlagzeilen bewältigen, deren Tragweite kaum absehbar ist.
Außersportliche Unruhe vor wegweisender Woche
Am Montag wird Merlin Polzin im Presseraum des Volksparkstadions Platz nehmen, die turnusmäßige Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Bayer 04 ist für den Nachmittag angesetzt. Fragen und Schlagzeilen ranken sich jedoch seit der Nacht von Samstag auf Sonntag um andere Themen. Die Bild hatte da veröffentlicht, dass das Aus von Sportvorstand Stefan Kuntz einen Tag nach Neujahr mit Beschuldigungen gegen den 63-Jährigen zusammenhängen soll. Laut Bild-Recherchen soll sich eine Mitarbeiterin von Kuntz verbal sexuell belästigt gefühlt und dem Aufsichtsrat anvertraut haben.
Kuntz soll sich laut des Artikels ebenfalls an die Staatsanwaltschaft Hamburg gewandt und Anzeige gegen Unbekannt wegen Stalkings gestellt haben, da er seit Juli anonyme Nachrichten einer Verehrerin erhalten haben soll – auf eine kicker-Anfrage reagierte der Europameister von 1996 zunächst nicht, am Sonntagabend äußerte er sich dann in einem Statement auf Instagram: „Mich erreichen zahlreiche Anfragen wegen der aktuellen Berichterstattung über meine Person. Erst einmal möchte ich sagen, dass mich die Vorwürfe hart treffen. Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück! Im Sinne meiner Familie und aller mir nahestehenden Personen habe ich meine Anwälte darum gebeten, gegen diese falschen Vorwürfe und Vorverurteilungen vorzugehen.“
Offiziell bleibt es beim Rückzug aus „familiären Gründen“
Es gilt die Unschuldsvermutung. Offiziell bleibt es somit vorerst beim Rückzug zum Jahreswechsel aus „persönlichen familiären Gründen.“ Mit diesen Worten hatte Aufsichtsratsboss Michael Papenfuß erklärt, weshalb das Kontrollgremium den früheren Torjäger aus dem ursprünglich bis Sommer dieses Jahres befristeten Arbeitsverhältnis herausgelassen hat.
War die nach außen kommunizierte Sprachregelung nur der Versuch, einen internen Vorgang auch intern zu belassen, um Schaden von allen Seiten abzuwenden? Klar ist: Die Schlagzeilen schaden nicht nur Kuntz, der seit Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung ein Sympathieträger ist, sondern die entstehende Unruhe auch dem HSV. Insbesondere Kuntz hatte den Verein auf einer viel beachteten Pressekonferenz vor Saisonbeginn darauf eingeschworen, dass der einstige Bundesliga-Dino nach sieben Zweitligajahren nur dann überlebensfähig im Oberhaus sei, wenn alle Rädchen ineinander greifen.
Tatsächlich hatten die Hanseaten in der bisherigen Spielzeit trotz eines Fehlstarts in die Vorbereitung und in die ersten Partien eine bemerkenswerte Geschlossenheit demonstriert, waren mit energiegeladenen Heimspielen zu einer Bereicherung für die Liga avanciert. Ist genau dieser Geist nun in Gefahr?
Huwer muss noch mehr als zuvor das Gesicht nach innen und außen werden
Der derzeitige Alleinvorstand Eric Huwer hatte in der abgelaufenen Woche nach dem Aus von Kuntz auf seinem Instagram-Account geschrieben. „Ich habe unter anderem die These gelesen, der HSV habe kein Gesicht mehr. Das stimmt. Wir haben nicht ein Gesicht – wir haben viele. Unser Gesicht sind neben unseren Fans mitunter rund 200 Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen. Auf dem Platz. Neben dem Platz. In der Geschäftsstelle, im Nachwuchs, im Stadionbetrieb, in der Organisation. Und genau darin liegt unsere Stärke. Das schönste Gesicht des HSV sind wir.“
Huwer war bislang vor allem das Gesicht der finanziellen Konsolidierung, jetzt muss der Finanzvorstand noch mehr als zuvor das Gesicht nach innen und außen werden. Weil durch die Trennung von Kuntz zwar faktisch Klarheit geschaffen wurde, die Schlagzeilen aber dennoch Dimensionen erreichen können, die die bislang funktionierende Organisation in den kommenden Wochen auf eine harte Probe stellen können.

