Vor über einem Jahr zog sich Benjamin Henrichs einen Achillessehnenriss zu. Das Ende der Leidenszeit ist absehbar, auch wenn es dem Defensiv-Allrounder von RB Leipzig nicht schnell genug gehen kann.
Leipzigs Defensiv-Allrounder über seine Leidenszeit
Aus Leipzigs Trainingslager in Almancil berichtet Oliver Hartmann
Wann man ihn wieder im Kader von RB Leipzig sehen werde? „Also von mir aus am Wochenende, aber ich entscheide das leider nicht“, entgegnet Benjamin Henrichs am Dienstag und muss selbst lachen über seine verwegene Aussage am Rande der Trainingsanlage The Campus an der portugiesischen Algarve. Dort hatte der Nationalspieler am Vortag erstmals seit mehr als einem Jahr an einem intensiveren Trainingsspielchen seiner Teamkollegen teilnehmen dürfen – zwar nur 25 Minuten im defensiven Mittelfeld, die aber für Henrichs ein eminent wichtiges Etappenziel auf seinem extrem langen Weg zurück bedeuten.
„Vor einem Jahr konnte ich nicht mal gehen, jetzt bin ich wieder auf dem Platz. Es ist vielleicht nicht alles so verlaufen, wie ich mir das vorgestellt habe, aber am Ende bin ich schon sehr, sehr dankbar, dass ich gestern spielen konnte und keine Probleme hatte“, sagt er nach der Regenerations- und Yogaeinheit am Dienstag über seine Leidenszeit. Kurz vor Weihnachten durfte er erstmals wieder im Kreis der Kollegen mittrainieren, beim sechstägigen Trainingslager in Portugal ist er wieder voll dabei – auch wenn er in manchen Situationen noch „Artenschutz“ genießt. „Assan hat mich einmal gefoult und sich fünfmal dafür entschuldigt“, berichtet er von einem Zweikampf mit Ouedraogo: „Ich habe gesagt: ‚Spiel weiter, es reicht jetzt.‘ Da merkst du schon, dass eine gewisse Vorsicht da ist.“
Baumgartner-Duell als Schlüsselerlebnis
Vor allem aber hat Henrichs in den vergangenen Tagen gelernt, wieder Vertrauen in seinen Körper und vor allem in sein rechtes – im Vergleich zum linken noch recht dünnes – Bein zurückzugewinnen. So berichtet er von einem Duell mit Christoph Baumgartner „so ein Fifty-fifty-Ding“, wo er vor der Frage stand: rein in den Zweikampf oder nicht. Viele Gedanken seien ihm in diesem Moment durch den Kopf geschossen, „und dann habe ich angesetzt“. Den Zweikampf habe er zwar verloren, „aber ich war sehr happy, weil alles hat gehalten. Das hat mir viel gebracht, auch im Kopf.“
Trainer Ole Werner bremst
Trotz der rasanten Fortschritte wird es wohl noch einige Wochen dauern, ehe ihn Trainer Ole Werner wieder in den Wettkampf schickt. „Ich will keinen Zeithorizont aufmachen und dadurch irgendwie Druck aufbauen. Für mich ist erst mal wichtig, dass er wieder mit dabei ist und sich sicher fühlt“, gibt sich Werner bezüglich eines möglichen Comeback-Termins betont zurückhaltend: „Dafür muss man jetzt erst einmal die Wochen abwarten.“ Daher werden auch in nächster Zukunft die Athletiktrainer und Physiotherapeuten Henrichs erste Ansprechpartner bleiben und Werner regelmäßig über den Stand der Fortschritte updaten.
Erste schwere Verletzung als Profi
Bis zu der folgenschweren Szene am 20. Dezember 2024 im Spiel beim FC Bayern (1:5), als er in der Nachspielzeit ohne Einwirkung eines Gegners zu Boden ging, hatte sich Henrichs in seiner langen Profilaufbahn nie ernsthaft verletzt. Auch deshalb hat er in den gut zwölf zurückliegenden Monaten viel Neuland betreten. „Come back stronger!“, habe ihm ein Arzt anfangs zugerufen. „Was bedeutet das?“, habe er sich gefragt. Die Antwort hat er in der Folgezeit für sich herausgefunden: „Ich musste und muss mehr arbeiten als vorher, wenn ich unbedingt zurück auf den Platz und wieder Fußball spielen will. Am Ende des Tages stehst du vor dem Spiegel und der Frage: Hast du alles gegeben.“
Henrichs kann die Frage für sich mit einem klaren Ja beantworten, auch weil er lernfähig und geduldig blieb und nie den Glauben verlor. „Vergleichen ist auch nicht das Beste, habe ich gelernt. Wenn ein Spieler die gleiche Verletzung hat, ist doch jeder Körper anders“, war eine Erfahrung, über die er berichtet, eine andere der Umgang mit Rückschlägen. „Auch wenn es mal wieder Komplikationen gab und es wieder einen Schritt zurückging, sind am Ende die Kraft und der Wille, wieder zurückzukommen, von enormer Bedeutung . Und ich glaube, das hat mich dann auch wieder hierher gebracht.“
Jede Menge Unterstützung von Kimmich & Co.
Mächtig geholfen hat ihm dabei die große Anteilnahme und Unterstützung aus dem Kollegenkreis. Ehemalige Weggefährten wie Dominik Szoboszlai (FC Liverpool) oder Dani Olmo (FC Barcelona) hätten ihn eingeladen, Teile der Reha doch bei ihren Klubs und damit in ihrer Nähe zu absolvieren. Nationalmannschafts-Kapitän Joshua Kimmich habe sich immer wieder nach seinem Wohlbefinden erkundigt, dafür habe er sich zu Jahresbeginn auch ausdrücklich bedankt: „Weil ich das nicht selbstverständlich finde, wie oft er mir geschrieben und wie er sich auch gekümmert hat.“ Er habe zurückgeschrieben, dass sie in diesem Jahr „hoffentlich nicht nur gegeneinander, sondern auch noch miteinander spielen“.
„Relativ gute Nachricht“ von Nagelsmann
Die WM im Sommer in Mexiko, Kanada und den USA war in all den Monaten ein großer Antrieb für Henrichs. Vor seiner Verletzung hatte er beste Aussichten, sich auf der rechten Abwehrseite festzuspielen. Inzwischen ist dort sowohl bei RB als auch im Nationalteam der vor einem Jahr als Konsequenz auf die schwere Verletzung von Leipzigs Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer verpflichtete Ridle Baku erste Wahl. Dass er ungeachtet dessen weiter im Blickpunkt von Julian Nagelsmann ist, verdeutlichte Henrichs die jüngste Nachricht des Bundestrainers: „Er hat mir vor Kurzem nochmal geschrieben, und das war in meinen Augen eigentlich eine relativ gute Nachricht.“

