Im Winter hatte der VfL Wolfsburg die große Chance, mit viel Geld notwendige Kader-Reparaturen vorzunehmen. Stand heute ist das kaum gelungen – dies könnte mit dem Abstieg bestraft werden.
20 Millionen Euro für die Bank und die Tribüne
Die Probleme des VfL Wolfsburg in dieser Saison waren früh offensichtlich. Aufgrund der katastrophalen Kaderzusammenstellung von Geschäftsführer Peter Christiansen und Sportdirektor Sebastian Schindzielorz hat es vielleicht gar nicht eine so große Rolle gespielt, welcher Trainer da auf der Bank sitzt.
Egal ob Paul Simonis, Daniel Bauer oder aktuell Dieter Hecking, sie alle mussten und müssen mit den Mängeln des Aufgebots klarkommen. Es fehlen Führungsspieler, es fehlt Geschwindigkeit im Mittelfeld, es fehlt ein Mittelstürmer mit Erfahrung. Versäumnisse, die womöglich zum ersten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte führen bei aktuell weiterhin stehendem Rang 17 (25 Punkte, ein Zähler hinter St. Pauli).
„Der Kader muss im Januar an entscheidenden Stellen angepasst werden. Sonst droht nichts anderes als der Abstieg.“ Das hatte der kicker Anfang November geschrieben. Da war noch Zeit, das Schlimmste abzuwenden, Korrekturen vorzunehmen. Stattdessen wurde noch über Monate der Irrweg unter dem auf allen Ebenen überforderten Christiansen fortgesetzt, die winterliche Transferperiode sehenden Auges an die Wand gefahren.
Das Geld stand zur Verfügung, die Ergebnisse sind nach aktueller Bewertungsgrundlage das nächste Desaster einer losgelöst vom Ausgang miserablen Saison. Letztlich ist die Zwei-Millionen-Euro-Leihgebühr an Bayer Leverkusen für Verteidiger Jeanuel Belocian noch die beste Investition gewesen. Der junge Franzose stand in allen elf Spielen in der Startelf, machte seine Sache in der Regel ordentlich, wenngleich auch der 21-Jährige nicht derjenige sein kann, der die Mannschaft führt.
Die übrigen rund 20 Millionen Euro, die Christiansen und dem im Dezember verpflichteten Sportdirektor Pirmin Schwegler für Verstärkungen zur Verfügung standen, wurden aus heutiger Sicht komplett falsch investiert. Jonas Adjetey, der für unglaubliche zehn Millionen Euro vom FC Basel gekommen war, was Marktexperten direkt schon die Nase rümpfen ließ, stand unter Trainer Hecking noch keine Minute auf dem Feld und am Samstag gegen Mönchengladbach (0:0) bereits zum dritten Mal gar nicht erst im Kader. Aus der benötigten Soforthilfe für die extrem anfällige Defensive wurde binnen kürzester Zeit in der internen Meinung ein für den Abstiegskampf untauglicher Abwehrspieler. Eine sportliche Katastrophe.
Und dann ist da noch Kento Shiogai. Der Japaner, der mittlerweile für die A-Nationalmannschaft seines Landes debütiert hat, wäre in guten Zeiten ein absolut passender VfL-Spieler gewesen und kann das perspektivisch auch immer noch werden. Jung und entwicklungsfähig, für NEC Nijmegen hatte er in der Hinserie in der niederländischen Eredivisie sieben Jokertore in zwölf Spielen erzielt.
Shiogai scheint zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein
Ein vielversprechender Offensivmann, der zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein scheint. Den man an die Hand nehmen müsste, was in der VfL-Truppe offenbar niemand so richtig getan hat. Die dringend notwendige Integration eines neuen Spielers ist auf sämtlichen Ebenen versäumt worden. Wodurch die Chance auf einen schnellen sportlichen Wert durch eigene Untätigkeit vergeben wird. Shiogai wirkt nach drei Monaten in Wolfsburg immer noch isoliert.
„Ich würde mir wünschen, dass wir ihn noch mehr mit in die Mitte nehmen.“ (Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking über Winterzugang Kento Shiogai)
Hecking sagte dazu zuletzt: „Die Integration ist noch nicht ganz abgeschlossen bei ihm, in der Mannschaft bewegt er sich immer noch am Rand. Ich würde mir wünschen, dass wir ihn noch mehr mit in die Mitte nehmen. Das sind aber Prozesse, die eine Mannschaft machen muss.“
Hecking wechselte den Stürmer, der am 23. Spieltag beim 2:3 gegen den FC Augsburg unter Ex-Coach Bauer auch für den VfL schon als Joker getroffen hatte, in den vergangenen sechs Spielen dreimal ein, dreimal beließ er ihn 90 Minuten auf der Bank. So auch gegen Gladbach, obwohl der VfL dringend ein Tor benötigte. Stattdessen kam Kevin Paredes, der nach seiner Muskelverletzung sein Comeback feierte.
Verständigungsprobleme, die ihn in Nijmegen auch nicht am Toreschießen hinderten
Was spricht gegen Shiogai, der zu Jahresbeginn für stolze 9,5 Millionen Euro gekommen ist? Hecking führt die Verständigungsprobleme an mit dem 21-Jährigen, der Englisch-Unterricht nimmt. Dinge, die freilich auch schon im Januar bekannt waren, und die ihn in den Niederlanden auch nicht am Toreschießen hinderten.
Klar ist: Auch Shiogai ist nicht die benötigte, verlässliche Hilfe im Wolfsburger Überlebenskampf. „Er muss jetzt durch diese Phase durch und auf den Moment warten, in dem er die Chance bekommt“, erklärt der Trainer. „In den letzten Spielen wurde er zwei-, dreimal eingewechselt und war in seinen Aktionen nicht ganz glücklich, aber im Training sieht man, dass da Qualität in ihm steckt, die wir herauskitzeln müssen.“
Heckings Lob für den fleißigen Stürmer
Hecking lobt den Angreifer für dessen Fleiß, für seine Mentalität. „Kento ist sehr engagiert. Er arbeitet gut, und ich kann mir vorstellen, dass er in den letzten drei Spielen seine Chance bekommt. Er fällt nicht ab, im Gegenteil: Er gibt immer Vollgas.“ Die nächste Chance, dies auf der Bundesliga-Bühne zu präsentieren, bietet sich am Sonntag (19.30 Uhr, LIVE! bei kicker), wenn der VfL zum so wichtigen Auswärtsspiel beim SC Freiburg antritt.

