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„Das darf nie passieren“: Bayer und ten Hag fallen beim Test in Bremen durch

Beim 3:3 in Bremen erlebt Bayer 04 den nächsten Tiefschlag unter Erik ten Hag. Der neue Trainer kritisiert seine Mannschaft stark, stellt sich aber damit selbst ein schlechtes Zeugnis aus.

Trainer übt scharfe Kritik und trifft sich selbst

Zweiter Spieltag – zweite Niederlage für Bayer 04. Anders lässt sich das 3:3 nach einer 3:1-Führung und einer Gelb-Roten Karte für Werders Niklas Stark nicht werten. Am Ende war der Punktgewinn für extrem ersatzgeschwächte Bremer hochverdient, standen doch beim Abpfiff 10:5 Chancen für Werder zu Buche. Auch bei den Expected Goals lag der Abstiegskandidat mit 2,5:2,1 gegen den Champions-League-Aspiranten vorne.

Mehr Entgegenkommen als von Werder ist kaum möglich

Wie schon beim 1:2 gegen Hoffenheim konnte Bayer die Gunst einer frühen Führung nicht nutzen. Diesmal sogar ein 2:0, wobei Werder bei beiden Treffern kräftig mithalf. Erst mit einem kapitalen Fehlpass des 18-jährigen Karim Coulibaly, dann mit extrem luftiger Deckungsarbeit gegen Malik Tillman, der bei seinem Pflichtspiel-Debüt für Bayer mit dem dritten Kontakt aus wenigen Metern zentral vor dem Tor traf. Mehr Entgegenkommen eines insgesamt biederen Gegners ist kaum möglich.

In dieser Anfangsphase agierte Bayer nicht nur sehr effizient, sondern zeigte zumindest phasenweise gute Elemente, lief aggressiv an, praktizierte wirksames Pressing und Gegenpressing wie vor dem Führungstreffer. Die auf ein asymmetrisches 4-2-3-1 umgestellte Werkself, bei der Christian Kofane von links oft auf die Position als zweite Spitze neben Patrik Schick einrückte, war die bessere Mannschaft. Doch Torgefahr entwickelte die Werkself bis zum Halbzeitpfiff einzig wieder nach einem Coulibaly-Bock, nachdem Startelf-Debütant Kofane nur die Latte traf.

Bayer hat vermeintlich alles im Griff – und tut alles dafür, dies zu ändern

Bereits vor dem Seitenwechsel war ein schleichender Kontrollverlust zu erkennen. Bayers Defensivarbeit wurde immer passiver, verlor an Aggressivität. Trotzdem hatte die Werkself vermeintlich alles im Griff. Tat aber in der Folgezeit auch alles dafür, dies zu ändern.

Youngster Axel Tape, bis dahin vielleicht Bayers Bester und mit einem Kabinettstückchen gegen zwei Bremer an der Seitenlinie in der Entstehung des 2:0 entscheidend beteiligt, setzte ein viel zu riskantes Tackling im Strafraum an und verursachte damit den Strafstoß zum 1:2.

Das Versagen lässt sich nicht auf jugendliche Naivität reduzieren

Bayers Versagen, besonders nach der 3:1-Führung, auf jugendliche Naivität zu reduzieren, würde aber völlig am Ziel vorbeischießen. Auch wenn der eingewechselte 19-jährige Ernest Poku mit einem Fehlpass 30 Meter vor dem Werder-Tor den Konter zum 2:3 einleitete.

Doch wie offen Bayer trotz Überzahl in dieser Situation stand, ist genauso bedenklich wie der Aussetzer von Torhüter Mark Flekken, der ohne Not sein Tor verließ, gegen Isaac Schmidt etwa 35 Meter vor dem eigenen Tor zu spät kam, sodass der Schweizer ins leere Tor einschieben konnte.

Bayers Defensivverhalten ist inakzeptabel

Ein Gegentreffer, der dokumentierte, dass grundlegende Abläufe nicht passen. So ging Edmond Tapsoba gegen Keke Topp ins Gegenpressing, was Alejandro Grimaldo, seines Zeichens spanischer Nationalspieler, und der argentinische Weltmeister Ezequiel Palacios im Rückwärtstraben interessiert beobachteten, während Werders Schmidt mit Vollgas an ihnen vorbei nach vorne sprintete.

Auch beim 3:3, als Senne Lynen trotz Vollversammlung im Leverkusener Strafraum völlig frei per Kopf die Latte traf und Coulibaly genauso unbedrängt abstaubte, präsentierte sich Bayer völlig inkonsequent. Bayers Defensivverhalten war inakzeptabel.

„Die zwei Gegentore am Ende – das darf nie passieren im Profi-Fußball.“ (Erik ten Hag)

Dementsprechend hart ging ten Hag mit seiner Mannschaft ins Gericht. „Man kann die Tore nicht so weggeben, wie wir das getan haben“, urteilte dieser bei Sky, „das fängt beim 2:1 an. Ob es Elfmeter ist oder nicht, darüber kann man diskutieren. Aber du sollst nicht in so eine Situation kommen. Die zwei Gegentore am Ende – das darf nie passieren im Profi-Fußball.“

Treffender hätte man es nicht formulieren können. Allerdings gibt es auch keine zwei Meinungen, in wessen Verantwortung ein solcher Auftritt liegt. Alles, was nach dem 3:1 folgte, spottete jeder Beschreibung. Bayer wurde nicht mehr zwingend. Schicks verwandelter Strafstoß sollte die vorletzte Torchance der Gäste gewesen sein, die sich nach dem 2:3 immer weiter zurückzogen, als würden sie gegen Real Madrid oder den FC Liverpool spielen. Nur so kam Werder ins Spiel und zu Standards und letztlich zum Ausgleich.

„Die Mannschaft hat in dieser Phase des Spiels nicht funktioniert.“ (Erik ten Hag)

So überraschte ten Hags Analyse, der erklärte: „Nach der Pause haben wir viel besser gespielt, hatten totale Kontrolle mit und gegen den Ball.“ Doch auch die erste Möglichkeit nach der Pause hatte den Gastgebern gehört. 6:2 lautete die Chancenbilanz nach der Halbzeit – für Werder, das in Unterzahl zu fünf Einschussmöglichkeiten kam. Am Ende standen nur 56 Prozent Ballbesitz für die Werkself in der Statistik, obwohl Leverkusen eine halbe Stunde in Überzahl gespielt hatte. Verkehrte Welt.

Aber auch leicht zu erklären. Bayer verteidigte nicht nur tief, sondern packte auch nicht zu. „Die Mannschaft hat in dieser Phase des Spiels nicht funktioniert“, stellte ten Hag fest, der damit aber auch sich selbst massiv anklagte. Diese letzte halbe Stunde, aber auch der Gesamteindruck der 90 Minuten müssen die Zweifel der Bayer-Verantwortlichen an den Erfolgsaussichten mit dem neuen Trainer weiter stark wachsen lassen, der schon auf vielen Ebenen Kredit verspielt hat.

Mit seiner Analyse stellt sich ten Hag selbst ein schlechtes Zeugnis aus

Mit seiner Analyse stellte sich der Niederländer dann nochmal selbst kein gutes Zeugnis aus. „Die Spieler sind noch nicht so weit. Wir haben eine neue Mannschaft, die Spieler sind teilweise auch nicht alle spielfit“, sagte der 55-Jährige im Hinblick auf Akteure wie Tillman und Aleix Garcia, die wegen Verletzungen fast die ganze bzw. große Teile der Vorbereitung verpasst hatten, „das ist auch einfach so. Für meinen Anspruch müssen sie mehr Intensität bringen, fitter werden.“

Doch der Erklärungsversuch stellte auch eine ungewollte Selbstanklage dar: Liegt das Thema Fitness doch entscheidend in ten Hags Verantwortung. So absolvierten neun Startelfspieler aus der Bremen-Elf die komplette oder sehr große Teile der Vorbereitung unter dem neuen Trainer.

Dieser setzt nun darauf, dass in der anstehenden Länderspielphase die Qualität auch in der Breite des Kaders anwächst. Durch die nur noch abzuwickelnde Verpflichtung des marokkanischen Dribbelkünstler Eliesse Ben Seghir (20, Monaco) und des argentinischen Sechsers Ezequiel Fernandez (23, Al-Qadsisiya/Saudi-Arabien). Sowie dadurch, dass Akteure wie Abwehrchef Loic Badé (25), Spielmacher-Talent Claudio Echeverri (19) und Flügelspieler Lucas Vazquez (34), die wirklich Rückstand haben, körperlich aufholen und ten Hags Spielidee verinnerlichen können.

„Nach der Länderspielpause haben wir richtig Konkurrenzkampf. Dann müssen wir als Mannschaft auftreten. Das fängt damit an, Verantwortung zu übernehmen, individuelle Performance zu bringen“, sagte ten Hag, der anfügte: „Und sie müssen mir zeigen, dass sie zusammenarbeiten möchten.“ Diese Frage stellt sich allerdings auch den Bayer-Verantwortlichen in Bezug auf ihren Trainer.

Das sportliche Urteil in Bremen fällt eindeutig aus: Nicht bestanden

Am Freitag hatte dieser selbst von einem „Test“ gesprochen, vor dem seine Mannschaft in Bremen stehe und auf dessen Ausgang er „sehr neugierig“ sei. Das sportliche Urteil in Bremen fiel eindeutig aus: Nicht bestanden.

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