Auf dem Platz spielten sie einst zusammen, als Funktionäre waren sie ein eingespieltes Duo. Im Gespräch mit dem kicker verrät Fredi Bobic, was Niko Kovac ausmacht und warum David Abraham mal aggressiv wurde.
Gemeinsame Zeit nicht nur bei der SGE
Von 2003 bis 2005 spielten Fredi Bobic und Niko Kovac zusammen bei Hertha BSC, nach ihrer aktiven Karriere trafen sie sich bei Eintracht Frankfurt erneut – als Sport-Vorstand und Trainer. Mit der Eintracht feierten sie den Gewinn des DFB-Pokals 2018. Auch wenn sich die Wege fußballerisch trennten, hat Bobic den Werdegang Kovacs weiterverfolgt und dabei eine essenzielle Station in dessen Entwicklung ausgemacht.
Mit welchem Gefühl blicken Sie auf den aktuellen Tabellenführer Dortmund und vor allem auf dessen Trainer, Herr Bobic?
Ich war beim Spiel gegen Paderborn noch als Sky-Experte im Stadion, mit Niko habe ich ohnehin immer wieder Kontakt. Ich sehe da eine stabile Mannschaft, ein klares System und eine funktionierende Grundordnung, ein unfassbares Umschaltspiel im Vollsprint, auch in die Defensive, und insgesamt eine topfitte Truppe. Das passt alles zu ihm. Er hat immer schon großen Wert darauf gelegt, dass die Spieler physisch fit sind. Da erwartet er von seinen Mannschaften die Eigenschaften, die er als Spieler selbst hatte: dass sie hart arbeiten und Vollprofis sind. Das verlangt er mit einer Ehrlichkeit, einer Offenheit und einer Klarheit, die allen hilft. Ich kann mich an eine Aussage von Serhou Guirassy erinnern, in der er darüber spricht, wie sie streiten und sich dann wieder in den Arm nehmen. Daraus spricht totaler Respekt.
Der Erfolg überrascht Sie also nicht?
Ich habe Anfang des vergangenen Jahres während der Trainersuche beim BVB schon immer wieder gesagt, dass Niko jetzt kommen muss. Die Mannschaft in Dortmund hat vorher über viele Jahre nicht das aus sich herausgeholt, was möglich gewesen wäre, bei Widerständen sind sie regelmäßig eingebrochen. Da kann er ansetzen. Er ist aus Erfahrung sehr überzeugt davon, dass er seine Ideen umsetzen, seine Ziele erreichen kann. Das überträgt sich aufs Team. Und was ihn auszeichnet: Wenn er eine Mannschaft neu übernimmt, schaut er sie sich erst einmal ganz genau an, führt viele Gespräche und überlegt dann, wie er mit ihr spielen lassen kann. Er möchte ihr nicht seine Ideen aufdrücken, sondern passt sich der Situation an und orientiert sich an den Fähigkeiten der Spieler. Das Team steht für ihn über allem. Auf Dauer kann er dann auch mehr und mehr seiner Philosophie einbringen.
Was ist ihm da wichtig?
Sein Spiel wird es immer sein, aus einer sicheren Defensive heraus zu agieren. Das heißt aber nicht, dass er auch defensiv spielen lässt. Nur müssen sich die Künstler im Angriff bei ihm darauf einstellen, dass sie auch nach hinten arbeiten. Diese Balance musst du haben, denn spektakulär spielen und gewinnen ist selten, du musst über eine ganze Saison auch pragmatisch sein. Und dafür benötigt er Spieler, auf die er sich verlassen kann. In Dortmund sind das zum Beispiel Waldemar Anton, Nico Schlotterbeck oder Felix Nmecha, die genau wissen, was er möchte, und das umsetzen. Dieses gute Verständnis macht alle Spieler stark. Mentalität ist ihm ebenso wichtig, gerade bei möglichen Zugängen schaut er darauf sehr bewusst. Die Spieler müssen bei ihm schon Schmerzen aushalten, es geht nicht nur um fußballerische Lösungen. Da erkenne ich ihn und auch mich als Spieler und im Werdegang wieder. Wir sind beide Migrantenkinder, haben nichts geschenkt bekommen und uns selbst hochgearbeitet. Da musst du Widerstandsfähigkeit haben – und die hat Niko auch seinen Spielern eingeimpft.
Was zeichnet ihn intern und im Umgang mit den Spielern aus?
Was mir imponiert hat, ist, dass er immer wieder neue Wege geht, sich informiert und inspirieren lässt. Ich erinnere mich, dass er damals in Frankfurt Ernährungswissenschaftler an Bord geholt und das Essen umgestellt hat. Das war schon fast zu viel, am Ende gab es für die Spieler gefühlt nur Gräser und kein Fleisch mehr, da ist ein Argentinier wie David Abraham etwas aggressiv geworden (lacht). Aber auch das gehört zu ihm: Er kann seine Fehler einsehen, das ist ein Zeichen für seinen guten Charakter. Er kann sich auch entschuldigen, wenn er mal zu emotional war. Sein Bruder Robert tut ihm da gut, er ist der Ausgeglichenere der beiden.
Wie hat er sich über die letzten Jahre entwickelt?
Ich habe das Gefühl, dass er in Monaco einen Riesenschritt in seiner Entwicklung gemacht hat, als Trainer, aber auch von seiner ganzen Art. Er ist noch ruhiger geworden, wirkt noch gelassener. Einen solchen Top-Verein in Frankreich in die Champions League zu führen hat ihm weitere Sicherheit gegeben, seinen Weg zu finden, zum Beispiel in der Ansprache zur Mannschaft. Jetzt in Dortmund ruht er in sich. Er weiß, was er kann, er weiß, wie er sich zu äußern hat, er wird nicht emotional. Das ist sehr abgeklärt und gefällt mir unheimlich. In Frankfurt war er nach innen nicht immer so entspannt, da war ich eher der ruhige Part von uns beiden. Jetzt ist er der beste Niko Kovac, den man haben kann.

