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Benaglio gibt die Richtung vor: „Wir gegen den Rest der Welt“

Abstiegsangst, Fan-Frust, ein Personalbeben: Diego Benaglio, Aufsichtsrat des VfL Wolfsburg, spricht im Interview über seine neue Rolle und die Herangehensweise im Kampf um den Klassenerhalt.

VfL-Aufsichtsrat im Interview

Ein aufreibendes Wochenende liegt hinter Diego Benaglio. Das 1:2 des VfL Wolfsburg gegen den HSV, wütende Fans, eine Geschäftsführer- und eine Trainerentlassung. Der 42-jährige VfL-Aufsichtsrat rückt im Abstiegskampf näher ran. Eigentlich hatte der Schweizer, der in Zürich lebt, geplant, für drei Tage in Wolfsburg zu bleiben. Nun werden es drei Monate.

Herr Benaglio, am Montag wurde Dieter Hecking als neuer Trainer vorgestellt, am Dienstag stand er das erste Mal auf dem Platz. Wie ist der erste Eindruck nach diesem Wochenende, das für den VfL nach dem 1:2 gegen den HSV, dem Frust der Fans und den Entlassungen von Geschäftsführer Peter Christiansen sowie Trainer Daniel Bauer chaotisch verlief?

Sehr gut. Schon im ersten Gespräch mit Dieter war das so. Für uns war wichtig: Ist er noch Feuer und Flamme, brennt er noch wie früher?

Das tut er?

Absolut. Er vermittelt genau das, was in der Pressekonferenz rüberkam und was er jetzt Staff und Mannschaft mitgibt. Damit kannst du Aufbruchsstimmung erzeugen. Jetzt liegt es an uns, das zu tragen, in die Mannschaft zu bekommen, den Reset-Knopf zu drücken und die Spiele mit voller Überzeugung anzugehen.

Der Samstag hatte etwas von Endzeitstimmung in der Volkswagen-Arena. Sie sind nach dem Spiel gemeinsam mit Sportdirektor Pirmin Schwegler in die „brennende“ Kurve gegangen.

Uns wurde gesagt: Die Mannschaft soll nicht hingehen, die Stimmung ist zu aufgeladen. Mir war es trotzdem wichtig zu zeigen: Wir drücken uns nicht. Zumindest hingehen, das Signal senden: „Lasst uns reden“. Ich verstehe aber, dass in der Emotion kein Redebedarf da war.

„Ich verstehe, dass Emotionen rausmüssen“

Wurden auch Sie beschimpft?

Damit kann ich leben. Es ging um die Situation, um den Verein. Ich verstehe, dass Emotionen raus müssen. Wenn du jahrelang immer wieder in ähnliche Situationen kommst, sammeln sich Enttäuschung und Frust an. Wir wissen, dass wir in der Bringschuld sind. Wenn wir liefern, dann können wir hoffentlich die Fans zurückgewinnen. Wir müssen demonstrieren, dass wir alles tun, um drin zu bleiben. Dann hoffe ich, dass der Funke dieser Aufbruchsstimmung überspringt.

Der Wille ließ sich der Mannschaft gegen den HSV nicht absprechen. Muss Dieter Hecking vor allem Blockaden im Kopf lösen?

Ja, das geht mit einer neuen Ansprache, einer neuen Herangehensweise. Gerade junge Spieler erleben diese Wucht der Enttäuschung vielleicht zum ersten Mal. Da musst du lernen: Wie gehe ich damit um, wie kriege ich den Kopf frei? Das Trainerteam hilft, klar. Aber ich sehe es auch als meine Aufgabe, mit Spielern in den Austausch zu gehen, die das erstmals erleben – damit sie nicht dieselben Fehler machen wie ich damals.

Welche Fehler waren das?

Ich erinnere mich an meinen ersten Abstiegskampf 2011, damals mussten wir im entscheidenden Spiel am letzten Spieltag nach Hoffenheim und haben es gepackt. Ich habe mir viel zu viel aufgeladen in dieser Zeit. Rückblickend war es wie ein Rucksack voller Steine, jeden Tag. Ich habe mir Gedanken gemacht: „Wie viele verlieren ihren Job, wenn wir absteigen? Was passiert, wenn wir wieder verlieren? Wie reagieren die Leute?“ Tausend negative Gedanken, die dich in der Leistung hemmen.

Nach dem HSV-Spiel hat der Aufsichtsrat Geschäftsführer Christiansen entlassen. Was führte zu diesem Entschluss?

Ich bedauere das sehr, ich schätze Peter Christiansen enorm. Als Mensch und als Fachmann. Es ist extrem schade, dass wir das gemeinsam nicht hingekriegt haben. Peter war als Person öffentlich stark vorbelastet – vieles davon konnte ich nur schwer nachvollziehen, ich hatte mit ihm immer einen sehr engen und guten Austausch.

„Es war unser Wunschszenario, dass wir mit einem Trainer aus dem eigenen Verein in die Zukunft gehen.“ (Aufsichtsrat Diego Benaglio spricht über Ex-Trainer Daniel Bauer)

Der Aufsichtsrat wird dafür kritisiert, dass er im Fall Christiansen und damit auch in der Trainerfrage zu lange gewartet hat.

Es ist normal, dass in einer solchen Phase alle kritisiert werden. Es war unser Wunschszenario, dass wir mit einem Trainer aus dem eigenen Verein in die Zukunft gehen, einem Mann, der die Akademie kennt und mit dem wir so noch mehr Talente hochziehen können. Es hat nicht funktioniert, das ist enttäuschend.

Hätte der Wechsel von Bauer zu Hecking nicht dennoch schon eine Woche vorher, nach dem 0:4 in Stuttgart, stattfinden müssen, um so mit dem Impuls ins Heimspiel gegen den HSV zu gehen?

Wir haben keine Glaskugel. Wenn wir Dieter eine Woche früher gehabt hätten und Hamburg läuft genauso, wären Wut und Enttäuschung identisch gewesen – vielleicht hättest du ein positives Momentum sofort wieder gekillt. „Was wäre wenn“ ist für mich hypothetisch. Aber klar: Kritik müssen wir annehmen.

Haben Sie nicht die Sorge, dass genau diese eine Woche am Ende entscheidend gewesen sein könnte?

Nein, ich blicke nach vorne. Wenn wir jetzt diese Aufbruchstimmung erzeugen, mit Dieter schnell erfolgreich werden, dann reden wir nicht über diese Woche.

Werden Sie vor dem Heimspiel gegen Werder Bremen noch einmal das Gespräch mit den Fans suchen?

Selbstverständlich. Vielleicht müssen die Emotionen bei den Fans noch etwas sacken. Wir sollten zwingend den Austausch finden, um gemeinsam das Bestmögliche für den Verein zu machen.

Sie sind als Aufsichtsrat nun noch näher herangerückt, ans Team, an den Trainer, an Sportdirektor Schwegler. Was bedeutet das konkret?

Die Spieler begleiten und unterstützen. Ich habe dreimal Abstiegskampf gespielt, das prägt. Ich werde Dieter unterstützen, Dinge von ihm fernhalten. Ich werde aber auch Pirmin unterstützen, wo ich kann, beispielsweise bei der Vorbereitung der neuen Saison. Und: Als Aufsichtsrat führen wir Gespräche, auch mit Kandidaten für die Stelle des Sport-Geschäftsführers.

Würde Sie dieser Posten reizen?

Nein. Meine Rolle ist jetzt der Situation geschuldet. Ich mache sie mit voller Überzeugung und Leidenschaft, um zu helfen. Langfristig ist das nicht mein Plan.

Hand aufs Herz: Haben Sie Angst vor dem Abstieg?

Angst ist das falsche Wort, weil sie dich hindert. Natürlich kennen wir die Tabelle. Aber ich richte den Blick darauf: Was kann ich Positives beitragen, damit es nicht so kommt? Wir müssen alles reinwerfen, eine positive Herangehensweise finden. Das macht dich leistungsfähiger.

Außerhalb von Wolfsburg würden sich viele über einen VfL-Abstieg freuen. Taugt das als Motivation?

Das muss es, wir gegen den Rest der Welt, so müssen wir es angehen. Wenn wir die Fans zurückgewinnen können, weil sie sehen, dass wir es verstanden haben und alles versuchen, dann kann das diese Mentalität werden. Helfen wird uns keiner. Es gibt Stimmen, die uns nicht in der Bundesliga sehen wollen. Umso schöner, wenn wir es trotzdem schaffen.

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