Zum ersten Tor der Bundesliga-Geschichte gibt es mindestens eine besondere Anekdote: Es gibt weder ein Foto noch eine Bewegtbildaufnahme davon, was BVB-Hauptsponsor Vodafone auf den Plan gerufen hat.
Vodafone präsentiert: „The Unseen Goal“
Der bekannteste Friedhelm der Bundesliga ist wahrscheinlich Friedhelm Funkel. Doch der beste, unter den Spielern – und da tritt man dem Spieler Funkel wohl nicht zu nahe -, war ein Friedhelm, der kaum so genannt wurde.
Für gewöhnlich ist von Timo Konietzka die Rede, wenn es um den neunmaligen deutschen Nationalstürmer geht, der 1966 Teil der Mannschaft des TSV 1860 aus München war, die Deutscher Meister wurde. Um einen Mann, der in insgesamt 100 Bundesligaspielen beachtliche 72 Treffer erzielte, von denen 71 aber fast schon egal sind. Zumindest im Vergleich zum ersten, zum ersten Bundesliga-Tor überhaupt, dessen historische Bedeutung den 2012 verstorbenen Konietzka natürlich überlebt hat. Anders als der ursprüngliche Vorname.
Seit nun 63 Jahren und bis in alle Ewigkeit ist immerhin der Nachname mit der Geschichte der Bundesliga verbunden, die ohne Konietzkas Treffer nicht erzählt werden kann. Wobei es genau an dieser Stelle, wegen der Vergänglichkeit der Augenzeugen, ein großes Problem gibt.
Die WM 1962 als Startschuss für die Bundesliga
Konietzka ist noch kein Nationalspieler, und auch die Bundesliga gibt es noch nicht, als sich Deutschland bei der WM 1962 blamiert. Damals geht das noch durch ein Aus im Viertelfinale, war man acht Jahre zuvor doch Weltmeister geworden und vier Jahre zuvor immerhin noch bis ins Halbfinale vorgestoßen. Doch auch die Tatsache, dass die DFB-Auswahl beim Ausscheiden in Chile ein fußballerisch überschaubares Bild abgibt, lässt die Alarmglocken endgültig schrillen.
Bundestrainer Sepp Herberger hatte das Projekt Bundesliga schon früher vorangetrieben, nach der WM 1962 sind sich dann nahezu alle Entscheider einig: Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit, auch im Europapokal, braucht der deutsche Fußball eine nationale Profiliga – nur ein Jahr später fällt der Startschuss. Am 24. August 1963 feiert die Bundesliga ihren Jungfern-Spieltag.
Der Startschuss ist ein gutes Stichwort. Im Bremer Weserstadion fällt er nämlich streng genommen zu früh. „Um 17 Uhr sollte der Anstoß sein. Der Schiedsrichter, Alfred Ott, hat das Spiel aber nachweislich schon um 16.59 Uhr angepfiffen“, erzählte Gerd Kolbe, Chefhistoriker von Borussia Dortmund, das als amtierender Deutscher Meister an diesem Samstag in Bremen gastiert. Kolbe ist als damals 18-Jähriger vor Ort und amüsiert sich über Otts verfrühten Pfiff – weil nur Sekunden später Historisches passiert.
45 oder 58 Sekunden sollen unterschiedlichen Überlieferungen nach gespielt gewesen sein, 60 jedenfalls noch nicht, als das erste Tor der Bundesliga-Geschichte fällt. „Zu einem Zeitpunkt, als es sie noch gar nicht gab. Das fanden wir überragend“, so Kolbe, der noch um eine Minute vor 17 Uhr ganz genau hinschaut, als sich Dortmunds Lothar Emmerich auf dem linken Flügel durchsetzt und nach innen spielt, wo Friedhelm „Timo“ Konietzka aus etwa acht Metern geschichtsträchtig einschießt. Das können allerdings nicht alle Anwesenden von sich behaupten.
Der Mann hinter der einzigen TV-Kamera, die im Weserstadion zugegen ist, befindet sich nicht rechtzeitig auf seinem Platz. „Und die Fotografen“, so erzählte es Konietzka einmal selbst, „standen alle hinter unserem Tor, weil sie auf einen Bremer Treffer spekulierten“. Und so gibt es vom ersten Treffer der Bundesliga weder eine Bewegtbildaufnahme noch ein simples Foto. Erst Emmerichs und Konietzkas Jubel wenige Sekunden nach dem besonderen Abschluss ist als Schnappschuss festgehalten, ein Stück Fußballgeschichte für die Überlieferung somit verloren gegangen.
Bis jetzt. Denn 63 Jahre nach 1963 ist Vodafone, Technologie-Unternehmen und der Hauptsponsor des BVB, ein Projekt angegangen, das einen absoluten Meilenstein des deutschen Fußballs sichtbar macht. Auch für die, die damals nicht in Bremen dabei waren. „The Unseen Goal“ heißt die Aktion, das ungesehene Tor, für alle Fußballfans und alle Zeit doch sichtbar zu machen.
Vodafone nutzt Zeitzeugen, Recherche und KI
Dank Zeitzeugen-Berichten und historischer Recherche wird mithilfe moderner KI-Technologie originalgetreu das nachgestellt, was Vorlagengeber Emmerich und Vollstrecker Konietzka so flink vollbrachten, dass es für jegliche damalige Kamera zu schnell war. Festgehalten wird die bahnbrechende Rekonstruktion eines einmaligen Moments zudem in einer 15-minütigen Dokumentation, darüber hinaus hat Vodafone mehrere spannende Interviews geführt, etwa mit Konietzkas Bruder. Viele unvergessliche Saisons später ist der Moment, der all das losgetreten hat, somit endlich vielseitig erlebbar.
Gut Ding will manchmal eben Weile haben. Am 24. August 1963, im Weserstadion gegen Bremen, gelingt Konietzka nach dem in der 1. auch in der 90. Minute ein Treffer, der jedoch bloß noch Ergebniskosmetik ist. Trotz seines Doppelpacks fährt der erste Torschütze der Bundesliga an jenem Tag als 2:3-Verlierer nach Hause. Der kicker schreibt am folgenden Montag vom „Fehlstart des Meisters“, der BVB schließt die Saison am Ende auf dem vierten Rang ab. Erster Bundesliga-Meister wird der 1. FC Köln.
Bemerkenswerter ist aber eigentlich eine andere kicker-Passage, die lautet: „Hinzu kam, dass Konietzka seine Verletzung noch nicht überwunden hatte und schon zur Pause stark unter einer neuen Muskelzerrung litt, die ihn stark behinderte.“
Man mag sich ja kaum vorstellen, wie viele Tore ein fitter Konietzka geschossen hätte. Und wie schnell das erste.
Seine Geschichte ist – wie auch die des damaligen BVB – mit dem 24. August 1963 aber nicht auserzählt. 1965 werden beide gemeinsam Pokalsieger, ein Jahr später holt Dortmund in der Folge als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal – den der Pokalsieger. Konietzka, inzwischen zu den Münchner Löwen weitergezogen, erlebt das zwar nicht mehr mit, dafür wird er parallel auch Meister in der Bundesliga. Um nicht zu sagen: in „seiner“ Bundesliga.
Aber warum eigentlich Timo? Als Konietzka zu Dortmunder Zeiten nach seinem Wehrdienst mit einem kurzen Bürstenhaarschnitt zurückkommt, der an den russischen General Timoschenko erinnert, verpasst Mitspieler Helmut „Jockel“ Bracht dem windschnittigen Friedhelm einen Spitznamen, den Konietzka 1985 sogar offiziell annimmt. Und alles nur wegen einer Bürstenfrisur.

