Da das Schiri-Team beim 6:0-Sieg der Münchner einen spektakulären Leipziger Regelverstoß nicht bemerkt hatte, wurde das vermeintliche 4:1 erst mit großer Verzögerung aberkannt. Der VAR half – ohne es formal zu dürfen, was auch der DFB einräumt. Ein anderer Regelverstoß unterlief Florian Badstübner trotzdem.
Vor spektakulärem Regelverstoß bewahrt
Die Spieluhr zeigt 65:43 Minuten, als Antonio Nusa den Ball beim Stand von 4:0 zum vermeintlichen Leipziger Ehrentreffer beim Münchner 6:0-Eröffnungsfeuerwerk gegen RB über Manuels Neuers Kopf hinweg ins Netz donnert. 4:20 Minuten vergehen, bis Schiedsrichter Florian Badstübner das Tor annulliert – weil er, seine beiden Assistenten und der vierte Offizielle Tobias Reichel, einen selten spektakulären Regelverstoß zuvor nicht bemerkt haben und danach mit Glück vom VAR darauf hingewiesen werden, obwohl dieser formal gar nicht die Berechtigung dazu hat. Aber der Reihe nach.
Leipzig bekommt in der 66. Minute einen direkten Freistoß in der eigenen Hälfte zugesprochen. Castello Lukeba steht am Ball, Badstübner gibt den Freistoß frei, während er sich nach vorne orientiert. Doch Leipzigs Innenverteidiger bringt den Ball nicht, wie von den Regeln vorgesehen, durch ein Zuspiel zu einem Mit- oder Gegenspieler ins Spiel, sondern legt ihn sich selbst mehrmals vor, beginnt regelrecht ein kleines Dribbling, bevor er den Ball lang nach vorne schlägt – und bald darauf sein Teamkollege Nusa ein Tor erzielt.
Ganz offensichtlich eine absichtliche, unerlaubte Mehrfachberührung bei einem direkten Freistoß, die zumindest Bayerns Nationalspieler Joshua Kimmich direkt im Spiel auffällt. „Ich habe schon gemerkt, dass der Schiri angepfiffen hat und der Spieler einfach losgedribbelt ist. Da dachte ich schon, das geht doch nicht. Dann haben wir halt das Gegentor bekommen. Dementsprechend wollte ich das reklamieren“, schilderte Kimmich nach der Partie seine Sicht.
„Ich glaube, der Schiri … die haben es dann überprüft. Ich weiß gar nicht, was sie da genau überprüft haben. Er hat das Tor erst gegeben. Dann habe ich weiter reklamiert, da habe ich die Gelbe bekommen“, so Kimmich weiter: „Zum Glück haben wir dann gewechselt. Ich glaube, dadurch hatten die nochmal Zeit, sich das anzuschauen und haben es dann, muss man schon sagen, völlig zu Recht zurückgenommen.“
Im Sinne des Fußballs ist das eine nachvollziehbare Ansicht. Rein formal lief die Kommunikation im Kreise der Unparteiischen aber nicht korrekt ab. Das Vierer-Gespann um Badstübner im Münchner Stadion hatte den Regelverstoß ganz offensichtlich nicht bemerkt und sich erst nach den anhaltenden Protesten der Münchner bei VAR Tobias Welz erkundigt. Der hatte sich zunächst zurückgehalten, weil ihm das den offiziellen Fußballregeln angehängte VAR-Protokoll lediglich gestattet, die jeweilige Angriffsphase vor einem Treffer auf relevante Verstöße zu überprüfen.
„Ich habe gesagt, dass das Tor ein Skandal ist.“ (Kimmich zum Dialog mit Schiedsrichter Badstübner)
Die letztmalige vorherige Spielfortsetzung nach einer Unterbrechung bzw. einem ruhenden Ball gehört nicht dazu. So darf beispielsweise auch ein Treffer nach einem Eckstoß nicht zurückgenommen werden, wenn erst der VAR auf den Bildern sieht, dass der Ball nicht vorschriftsmäßig innerhalb des dafür vorgesehenen Bereichs an der Eckfahne lag oder die Eckstoß-Entscheidung an sich falsch war.
Als Badstübner von Welz von seinem großen Fauxpas per Funk erfuhr, bediente er sich auf dem Feld ganz offensichtlich eines Tricks und lief Richtung Seitenlinie zu Assistent Markus Schüller. Erst nach einem kurzen Dialog mit Schüller nahm Badstübner den Treffer zurück. Hätte Schüller den Regelverstoß mehr als vier Minuten zuvor aber wirklich selbst gesehen, hätte er ihn natürlich deutlich früher dem Referee anzeigen müssen. Schüller dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit also auch erst durch den Funkverkehr mit Welz von Lukebas eigenwilliger Freistoßausführung erfahren haben.
DFB räumt Fehler ein: „Das hat leider keiner wahrgenommen“
Kimmichs Vermutung, dass erst der zeitaufwendige Mehrfach-Spielerwechsel von beiden Teams, der einen schnellen Wiederanstoß verhinderte, die Aufklärung über den formal unzulässigen Weg über das Kölner Videocenter ermöglichte, liegt also nahe. „Ich habe gesagt, dass das Tor ein Skandal ist, dass es nicht geht“, berichtete Kimmich von seinem Dialog mit Badstübner: „Dass der da halt einfach losdribbelt und ob er das nicht gesehen hat? Also es ist ja gut, dass wir da ein paar Kameras im Stadion haben und ein paar Assistenten.“
Der DFB bestätigte am Samstagvormittag auf kicker-Nachfrage den geschilderten Ablauf. „Dass Lukeba, statt den Freistoß korrekt auszuführen, einfach mit dem Ball losgedribbelt ist, hat leider keiner der Unparteiischen auf dem Feld wahrgenommen“, räumt Alex Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH, ein: „Die anschließende Torerzielung ist vom VAR gecheckt worden, aber die Art der Ausführung eines Freistoßes im Vorfeld eines Tores zu überprüfen, gehört streng genommen nicht zu seinen Aufgaben.“
Feuerherdt weiter: „Aufgrund der ungewöhnlich heftigen Proteste der Bayern sah sich der Schiedsrichter dennoch veranlasst, diesbezüglich beim VAR nachzufragen. Der VAR hat sich daraufhin im Sinne des Fußballs ausnahmsweise zu einem kurzen Hinweis auf die irreguläre Freistoßausführung entschlossen, weil es niemand verstanden hätte, wenn dieses Tor gezählt hätte. Am Ende stand die richtige Entscheidung, das Tor nicht zu geben, aber der Anspruch muss es sein, eine solche Situation – so kurios und selten sie auch ist – auf dem Feld korrekt zu lösen.“
Ganz nach dem Motto: „Expect the unexpected“, zu deutsch : „Erwarte das Unerwartete.“ Ein Leitspruch, der Schiedsrichtern im Rahmen von Regelschulungen von klein auf eingetrichtert wird. Mit Lukebas höchst seltener Aktion und der eigentlich fälligen Konsequenz haben Badstübner und sein Team in diesem Fall aber offenbar nicht gerechnet.
Weiterer Fehler bei der Spielfortsetzung
Trotz der VAR-Hilfe, die das Gespann vor dem größeren Regelverstoß bewahrte, unterlief Badstübner bei der Spielfortsetzung dennoch ein weiterer Regelverstoß. Er zeigte an, dass der Ball bei Lukebas Ausführung nicht geruht habe und gewährte Leipzig eine Wiederholung des Freistoßes. Richtig wäre aber ein indirekter Freistoß an selber Stelle für die Bayern gewesen, da die Bilder zeigen, dass der Ball ruhte und die folgende Mehrfach-Berührung des Balles von Lukeba sicher nicht unabsichtlich passierte.
Bittere Minuten für Badstübner und Co., die in einer einseitigen Partie ansonsten eine gute Spielleitung zeigten.

