Mit der Trennung von Horst Steffen zieht Werder Bremen im Kampf um den Klassenerhalt die Reißleine. Ein notwendiger Schritt. Garantien für eine bessere Zukunft gibt es allerdings nicht ohne Weiteres. Ein Kommentar von kicker-Reporter Michael Richter.
Kommentar zur Bremer Trainersuche
Am Ende holte die Bremer dann doch die bittere Realität des Geschäfts ein. Mit der Trennung von Horst Steffen pulverisierte Werder die eigene Illusion, mit dem nun Geschassten eine neue Ära der Kontinuität, wie man sie aus früheren, erfolgreichen Zeiten an der Weser kannte, einzuleiten. Ein Dreijahresvertrag bis 2028 dokumentierte die Überzeugung, die die Verantwortlichen in den Coach hatten.
Eine Überzeugung, der schließlich vor allem Clemens Fritz, dem operativ hauptverantwortlichen Geschäftsführer Fußball, am Tiefpunkt angelangt, seine Verantwortung entgegenstellen musste, alles nun Mögliche zu tun, um den Klassenerhalt in der Bundesliga zu erreichen – nicht zuletzt auch, um das eigene Image als Klub-Idol zu retten. Im Unterschied zu seiner aktiven Zeit bei den Grün-Weißen blickt der 45-Jährige schließlich zurück auf eine bisher eher glücklose Amtszeit als Funktionär, in der er wegen mancher Entscheidungen und Verfahrensweisen zur Zielscheibe öffentlicher Kritik wurde.
Viel Lebens-, aber keine Bundesligaerfahrung
Nach nunmehr zehn Spielen ohne Sieg und dem Abrutschen in den direkten Abstiegskampf konnte es jedoch zunächst mit dem viel zitierten „schwächsten Glied in der Kette“ nicht weitergehen, zumal trotz eines emotionalen Finishs mit dem späten 1:1 auch der jüngste Auftritt gegen Mönchengladbach am Samstag wenig Hoffnung auf die erhoffte Trendwende mit Steffen bereitete. Erneut präsentierte sich Werder als wenig homogenes Kollektiv, das gegen einen wahrlich nicht starken Kontrahenten keine Mittel fand, um konstruktiv und nachhaltig vor dessen Tor und zum Erfolg zu gelangen. Chancen im gegnerischen Strafraum ergaben sich erst am Ende, 0:1 im Hintertreffen liegend mit dem Rücken zur Wand, mit Brechstange und dem Mut der Verzweiflung.
Dass Steffen kein lebloses Team zurücklässt, zeigte sich in den Schlussminuten gegen Borussia zwar. Es ändert aber nichts an der Grundtendenz, die den Ex-Meister und Pokalsieger nun die Reißleine ziehen ließ. Mit 56 Jahren Lebenserfahrung begleitete der stets sympathisch auftretende Trainer die Mannschaft auf väterlich-fürsorgliche Art durch eine von Beginn an schwierige Saison. Der Kader war verjüngt worden, Leistungsträger und Routiniers wie Marvin Ducksch wanderten ab, verletzten sich schwer (Mitchell Weiser, Niklas Stark, Leo Bittencourt), Neuzugänge schlugen nicht wie erhofft ein oder fielen ebenfalls, wie Sturm-Hoffnung Victor Boniface, aus.
Wahrlich nicht immer war die Schuld hier bei Steffen zu suchen. Mit zahlreichen, auch nicht erzwungenen Personalwechseln und der zuletzt misslungenen Suche nach einem neuen Ansatz, das eigene Spiel wieder gefährlicher zu machen, trug der Ex-Elversberger, der vor seinem Bremer Engagement noch über keinerlei Bundesliga-Erfahrung als Coach verfügte, jedoch maßgeblich zu seinem Scheitern und dem nun notwenigen Schritt bei.
Vorentscheidende Duelle gegen St. Pauli und Heidenheim warten
Was Werder jetzt braucht, ist ein Weckruf, möglichst aus dem Munde jenes nach den Wünschen der Macher externen Mannes, der sich zum einen mit den Gegebenheiten in der Branche auskennt, zum anderen die Bedingungen am Standort Bremen umgehend adaptiert und den von Fritz zitierten „Impuls von außen“ gibt. Die Situation ist ernst, aber noch nicht verfahren. Sie kann sich jedoch, das sollten alle erkannt haben, nach zwei schweren nun anstehenden Partien in Freiburg und gegen den FC Bayern verschärfen und in vorentscheidende Duelle in den dann anstehenden Begegnungen auf St. Pauli und gegen Heidenheim münden.
Eine sich verfestigende Struktur mit klar verteilten, bestehen bleibenden Verantwortlichkeiten auf dem Platz muss daraus jetzt entstehen. Garantien, dass es mit dem neuen Mann sogleich besser funktioniert, gibt es nicht ohne Weiteres, auch wenn Potenzial und Personal in Bremen grundsätzlich ausreichend vorhanden zu sein scheinen. Eventuell bedient sich der Klub dennoch noch einmal auf dem bald schließenden Spielermarkt. Dort jedoch den Heilsbringer zu finden, erscheint aufgrund der Möglichkeiten und der jüngsten Bremer Transferhistorie sehr fraglich.

