Durch den Sieg beim BVB hat Bayer im Kampf um einen Platz in der Champions League seine Position massiv verbessert. In Dortmund bekam die Werkself auch andere Probleme in den Griff. Damit dies der Wendepunkt der Saison wird, ist nun Nachhaltigkeit gefragt.
Bayer setzt auf Faktor Psychologie
Es war erst der zweite Erfolg in einem Spiel gegen einen Klub aus der Top-5 in dieser Saison. Doch er kam genau zur rechten Zeit. Hat sich für Bayer 04 doch durch den 1:0-Sieg in Dortmund die Ausgangslage im Rennen um Platz 4 massiv verbessert. Nicht nur, weil der Werksklub erstmals in der Rückrunde unter den ersten fünf Mannschaften in der Tabelle platziert ist, sondern in erster Linie, weil die Mannschaft von Kasper Hjulmand jetzt nicht mehr so extrem auf fremde Hilfe angewiesen ist, um sich für die Königsklasse qualifizieren zu können.
So könnte schon der kommende Spieltag die Werkself in die Situation bringen, das Ticket für die Champions League aus eigener Kraft lösen zu können. Schließlich bietet sich dann dem FC Bayern München die Chance, mit einem Sieg gegen den VfB Stuttgart den Meistertitel vorzeitig sicherzustellen.
Liefert der FC Bayern die letzte nötige Hilfe von außen?
Gewinnen die Münchner, wären ihnen Platz 1 bei zwölf Punkten Vorsprung und der aktuell um 47 Treffer besseren Tordifferenz gegenüber dem BVB nur noch rein theoretisch, aber eben praktisch nicht mehr zu nehmen. Eine riesige Motivation für den Rekordmeister, das Thema Meistertitel vorzeitig und vor eigenem Publikum erfolgreich abzuhaken.
Und dann wären für Leverkusen die Voraussetzungen geschaffen, um am 33. Spieltag im direkten Duell in Stuttgart die Schwaben überholen zu können. Dies gilt auch noch nach dem lockeren 4:0-Sieg des VfB am frühen Sonntagabend gegen den HSV.
Nach dem großen Schritt nach vorne demonstriert Rolfes Zuversicht
„Wir müssen uns in die Position bringen, dass wir gegen Leipzig und Stuttgart im direkten Duell vielleicht schon vorbei sind oder vorbeiziehen“, weiß Kapitän Robert Andrich, „dann geht es darum, wer ist an dem Tag besser, wer will es mehr.“ Dass Bayer jetzt auf einmal die Möglichkeit winkt, schon bald aus eigener Kraft noch unter die Top-4 kommen zu können, ist ein enormer Schritt nach vorne.
Geschäftsführer Simon Rolfes demonstriert also Zuversicht: „Ich bin davon überzeugt, dass wir die Möglichkeit haben, es aus eigener Kraft zu schaffen, dass wir uns auf uns selbst fokussieren müssen, dass andere Punkte lassen werden.“ Die Chance auf Rang 4 lebt in jedem Fall wieder richtig.
Bayer schaffte nur einmal in dieser Saison vier Liga-Siege in Serie
Umgekehrt ist auch klar: Von einem Leverkusener Lauf darf man in dieser Saison aber auf keinen Fall automatisch ausgehen. Wie der Blick auf die Statistik zeigt: in der Liga gelangen der Werkself in dieser Saison nur einmal vier Siege in Serie. Sonst kein einziges Mal mehr als zwei Dreier nacheinander. Jetzt müssten es wohl sieben am Stück werden, wenn man nicht zu sehr auf Ausrutscher der Konkurrenz verlassen möchte. Bei der Schwankungsbreite der eigenen Leistungen stellt eine solche Sieges-Serie also ein alles andere als wahrscheinliches Szenario dar. Hat Bayer 04 doch so eine Nachhaltigkeit in dieser Spielzeit noch nicht nachgewiesen.
Und dennoch: Die beiden jüngsten Auftritte der Werkself geben trotz der gezeigten Schwächen das eine oder andere Signal, dass Bayer in der entscheidenden Saisonphase abliefern kann. Der gegen Wolfsburg in einen 6:3-Sieg gedrehte 1:3-Rückstand sowie der Erfolg beim BVB, den in dieser Spielzeit außer dem FC Bayern München (2:1 und 3:2) eben nur Bayer 04 besiegte – und das gleich zweimal im Westfalenstadion (jeweils 1:0 im DFB-Pokal und jetzt in der Liga), veranlassten zumindest Rolfes, am Samstag die in den vergangenen drei Jahren unter Xabi Alonso entwickelte Siegermentalität heraufzubeschwören.
„Zum Ende der Saison kommt die Psychologie mit ins Spiel. Das kann für uns ein Faktor sein.“ (Simon Rolfes)
„Zum Ende der Saison kommt auch immer die Psychologie mit ins Spiel“, sagt der Manager und setzt auf die in den vergangenen Jahren mit Double und Vizemeisterschaft entwickelten Selbstverständnis und Zielstrebigkeit „auch in schwierigen Momenten, die wir schon hatten, als wir bei ManCity (2:1, Anm. d. Red.) oder bei Benfica (1:0, Anm. d. Red.) gespielt haben.“ Vor der Winterpause in den beiden Partien in der Königsklasse wie am Samstag in Dortmund war Bayer 04 für Big Points gut. „Das kann für uns am Ende vielleicht ein Faktor sein“, glaubt Rolfes, „weil irgendwann auch bei anderen Mannschaften, wenn sie auf einem Champions League Platz stehen, der Kopf einsetzt, und es dann vielleicht auch überraschende Ergebnisse gibt.“ Den dafür notwendigen Druck auf die Konkurrenz hat Bayer mit dem Sieg in Dortmund jedenfalls aufgebaut.
Neben der in den beiden jüngsten Partie unter Beweis gestellten Qualität, jeweils nach alles anderem als optimalen Start ins Spiel die Systeme doch noch hochzufahren, lassen zwei andere Aspekte den Leverkusener Geschäftsführer Zuversicht schöpfen. Das ist zum einen der starke Auftritt der Dreier-Abwehrreihe.
Andrich, Badé und Tapsoba bewiesen mentale Stärke
Das Trio Robert Andrich, Loic Badé und Edmond Tapsoba – gegen den Tabellenvorletzten aus Wolfsburg noch mit gravierenden Aussetzern – bewies mentale Stärke und Comeback-Qualitäten. Andrich als Anführer, Signalgeber und Torschütze. Geburtstagskind Badé mit Ruhe und aufmerksamen wie konsequentem Spiel inklusive einer großartigen Rettungstat gegen Svenssons Schlenzer beim Stand von 0:0. Und Tapsoba mit einem defensiv aggressiven, quasi fehlerfreien Auftritt, bei dem er bei Dortmunder Hereingaben wie ein Ballmagnet wirkte, um dann selbst den Leverkusener Spielaufbau fein zu befeuern.
Neben der Stärke des Abwehr-Trios gab zum anderen die Spielkontrolle, die aus der Defensivstärke von Exequiel Palacios und vor allem den taktgeberischen Fähigkeiten von dessen Doppelsechs-Partner Aleix Garcia entsprang, den Bayer-Verantwortlichen Hoffnung auf ein Happy End dieser Saison.
Aleix Garcia funktionierte wieder als Rhythmusgeber
Der Spanier nahm nach der problematischen Startphase das Zepter fest in die Hand, diktierte den Rhythmus mit seinen intelligenten, oft unspektakulären Pässen, die dem gegnerischen Pressing jeglichen Druck entzogen und umgekehrt die Leverkusener Spielentwicklung befeuerten. Der 28-Jährige, der in den vergangenen Wochen aufgrund seiner pausenlosen Dauereinsätze im Drei-Tage-Rhythmus oft überspielt wirkte, machte nach seiner Länderspielpause und der Sperre gegen Wolfsburg einen auch geistig viel frischeren Eindruck, war wieder der Chef im Ring, den Bayer 04 benötigt, und der alles im Griff hat – so wie der Werksklub jetzt im Rennen um Platz 4?

