Die Rückrundentabelle ist noch nicht komplett und hat dennoch eine Aussagekraft: Sie führt den Hamburger SV nach dem 3:2 gegen den 1. FC Union ungeschlagen auf Platz 6. Das ist eindeutig der Ausdruck einer Entwicklung. Diese durchlaufen auch Einzelne wie Ransford Königsdörffer.
Königsdörffers Fortschritt ist beispielhaft
Seit dem Rückrundenbeginn und damit fünf Partien ist der Aufsteiger ungeschlagen, hat in diesem Zeitraum neun Zähler eingefahren – und er hat nicht nur am Festtag gegen den FC Bayern (2:2) nachgewiesen, dass eine Entwicklung gegenüber der ersten Halbserie (0:5) stattgefunden hat, er hat dies vor allem in den beiden darauffolgenden Partien gezeigt. Dem 2:0 in Heidenheim folgte am Samstag ein ebenso hart erkämpftes 3:2 gegen die Köpenicker und zum zweiten Mal nacheinander der Beleg: Die Elf von Merlin Polzin kann im Oberhaus inzwischen auch Spiele gewinnen, in denen sie nicht alles richtig macht.
Die Schlüsselszenen kippen inzwischen in Richtung des HSV
Während der Hinserie musste der HSV mitunter bitteres Lehrgeld bezahlen und erkennen, dass in der neuen sportlichen Umgebung selbst Leistungen am eigenen Limit wie gegen Wolfsburg (0:1) oder in Leipzig (1:2) nicht zu Zählbarem reichen können, wenn entscheidende Fehler begangen werden. Inzwischen hat sich die Mannschaft derartig weiterentwickelt, dass Schlüsselszenen in ihre Richtung kippen. Die zweite Minute der Nachspielzeit im ersten Durchgang gegen die Köpenicker war so eine: Nachdem sich Keeper Daniel Heuer Fernandes beim Herauslaufen verschätzt hatte, verfehlte der Unioner Andrej Ilic, von Jordan Torunarigha entschlossen gestört, das leere Tor, und im Gegenzug traf Nicolas Capaldo.
Statt 1:2 zur Pause stand es also 2:1, und der HSV hatte davor und danach nicht nur Glück, sondern auch Qualität. Obwohl Union nicht viele Räume gestattete, gab es situativ immer wieder Momente: Weil Fabio Vieira in Abwesenheit des verletzten Sambi Lokonga (Bänderriss) einmal mehr zeigte, dass er im Zentrum an der Seite von Nicolai Remberg ein großer Gewinn für den HSV ist; weil Bakery Jatta mittlerweile nicht nur die rechte Seite auf dem Weg nach hinten dicht bekommt, sondern, wie mit seiner Vorlage zum Capaldo-Treffer, auch Akzente nach vorn setzt. Und, weil Königsdörffer den Anschein erweckt, nun tatsächlich einen Knoten gelöst zu haben.
Königsdörffer findet die richtigen Wege
Der erste Bundesligatreffer des Angreifers im November zum 1:1 gegen Dortmund hatte noch nicht die erhoffte befreiende Wirkung, sein Tor in Heidenheim in der vergangenen Woche hingegen scheinbar schon. Da es sich dieses Mal auch angedeutet hatte: Der vor allem in den sozialen Netzwerken viel Gescholtene profitiert sichtbar von Polzins Systemanpassung. Inzwischen ist er nicht mehr die alleinige zentrale Spitze, sondern oft einer von zwei „echten“ Stürmern.
Am Samstag griff Königsdörffer, formal zwar im 3-4-3 von der rechten Seite aus an, rückte aber als zweite Spitze neben Zielspieler Robert Glatzel immer wieder ein, fand aus dieser Rolle heraus nicht nur bei seinen beiden Treffern die richtigen Wege. „Wir haben Ransi nie nur an Toren gemessen, sondern auch an seinen Laufwegen“, sagt Polzin, „umso schöner ist es, dass er sich jetzt auch belohnt.“ Und den HSV wegschießt von den unteren Kellertreppen: Im 1887. Bundesligaspiel der Geschichte hat sich der 1887 gegründete Altmeister erstmals entscheidend im Abstiegskampf distanziert. Und einen großen Schritt gemacht, um auch in der kommenden Spielzeit Bundesligaspiele folgen lassen zu können.

