Im Vorfeld der Partie gegen den FC Bayern hatte die Suspendierung von Jean-Luc Dompé die Schlagzeilen dominiert, unmittelbar vor dem Anpfiff gegen den Rekordmeister war der HSV durch die Punktgewinne der Konkurrenz auf Platz 16 abgerutscht – nach dem Abpfiff aber bejubelte Hamburg ein 2:2, das hochverdient war.
Polzins Schachzüge mit Sambi Lokonga und Fabio Vieira
Nicolas Capaldo war mit seiner Energie in den direkten Duellen und seinen leidenschaftlichen Vorstößen eine der ganz großen Triebfedern bei einem beherzten Hamburger Auftritt, nach der Partie und dem damit verbundenden 2:2 gegen Rekordmeister Bayern München gab der Argentinier zu, dass die Themen in den zurückliegenden Tagen natürlich Einfluss auf den Alltag in der Kabine hatten. „Es ist eine schwierige Situation mit Jean-Luc und es war eine schwierige Woche. Das Wichtigste ist das Ergebnis aus diesem Spiel.“
Ohne Dompé ergibt sich die Variante mit einem Zehner
Nicht weniger bedeutsam als der Zähler gegen den Meister ist das Zustandekommen. Der Aufsteiger ermauerte sich das Remis nicht, obwohl die von Merlin Polzin gewählte taktische Formation, ein 5-3-1-1-System darauf hindeuten könnte, als hätte der Trainer Beton anrühren lassen. Tatsächlich reagierte er auf die vielen Ausfälle in der Offensive und die Suspendierung von Dompé mit taktischen Veränderungen, die griffen und außerdem zweierlei zeigten: Der HSV kann auch ohne seinen Unterschiedsspieler gefährlich werden – und: Er kann vor allem ohne die klassischen Flügelstürmer Albert Sambi Lokonga und Fabio Vieira gemeinsam im Zentrum aufbieten.
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Sambi Lokonga nahm die gewohnte Rolle als ordnende Figur neben Nicolai Remberg und neben dem eingerückt agierenden Miro Muheim ein, Fabio Vieira agierte als klassischer Zehner davor. Beide waren im Sommer vom FC Arsenal gekommen und zeigten: Sie haben das Format, fußballerisch sogar mit den Bayern mitzuhalten. „Vieles von dem, was wir uns vorgenommen haben, ist aufgegangen“, sagt Polzin. „Wir haben relativ viel von dem umgesetzt, was wir uns gemeinsam erarbeitet haben.“
Entscheidend neben der taktischen Herangehensweise am Samstagabend war: Die Hanseaten erreichten auch jenes Energielevel, auf das sie in Heimspielen regelmäßig kommen und auf das ihr Trainer ebenfalls gesetzt hatte. In den Tagen vor der Partie hatte der 35-Jährige immer wieder darauf verwiesen, dass im Volksparkstadion in dieser Spielzeit besondere Dinge passieren, anschließend konstatierte er zufrieden: „Es macht mich sehr, sehr froh, dass wir diese Magie hier im Volkspark wieder auf den Platz bringen konnten.“
Seine Spieler erzeugten die Magie vor allem in einem Moment, da der Zauber nach einer erstaunlichen, von regelmäßigen Vorstößen und Großchancen geprägten ersten Hälfte vorbei schien. Luis Diaz hatte unmittelbar nach seiner Einwechslung und dem Seitenwechsel getroffen, der Partie damit die im Vorfeld erwartete Richtung gegeben und Remberg gesteht ehrlich: „In dem Moment dachte ich auf dem Platz, jetzt könnte es für uns richtig eklig werden.“ Eklig aber blieb der HSV. „Wir können richtig stolz darauf sein, wie wir uns immer wieder gewehrt haben“, sagt Muheim.
Zu den Garanten für den Punktgewinn und den Ausgleich avancierten letztlich zwei Profis, die eigentlich hinten dicht machen sollten. William Mikelbrencis hatte erstmals seit dem 1:1 gegen Frankfurt kurz vor Weihnachten wieder beginnen dürfen und den Auftrag erhalten, auf der ungewohnten linken Außenbahn die Kreise von Michael Olise einzuengen. Sieben Minuten nach der Münchner Führung aber schaltete er sich in die Offensive ein und bediente Abwehrchef Luka Vuskovic, der als Bewacher von Harry Kane einen Zähler rettete, der den HSV vorerst oberhalb der Abstiegsränge hält. Dennoch bleibt die Lage trügerisch. Der Relegationsrang ist nur ein Pünktchen entfernt – und die kommenden Gegner sind unmittelbare Konkurrenten: In Heidenheim, gegen Union Berlin und bei Mainz 05 gilt es dann, den Eindruck vom Samstagabend zu bestätigen. Und nach sechs Partien ohne Sieg wieder mit Dreiern zu unterfüttern.

