Zu einem überraschenden, weil frühen Zeitpunkt dieser Saison hat der FC Bayern den Vertrag mit Cheftrainer Vincent Kompany vorzeitig bis 2029 verlängert. Ob’s mit der gewünschten Kontinuität auf dieser Position tatsächlich klappt, hängt von allen Beteiligten ab. Ein Kommentar von kicker-Reporter Frank Linkesch.
Kommentar zu Kompanys neuem Vertrag
Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes, Niko Kovac, Hansi Flick, Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel: Trainer seit Pep Guardiolas Abschied 2016 – er erfüllte seinen Dreijahresvertrag – hatte der FC Bayern viele, lange geblieben ist aus den unterschiedlichsten Gründen keiner. Mit Blick auf all die Erfolge des FC Bayern erstaunt es, wie oft er dennoch seinen Trainer wechselte. Ob mit Vincent Kompany nun die ersehnte Kontinuität einkehrt? Abwarten, empfiehlt die Erfahrung.
Würde Kompany seinen neuen, bis 2029 laufenden Vertrag erfüllen, hätte er fünf volle Jahre auf der Bayern-Bank verbracht, mehr schaffte zuletzt der große Ottmar Hitzfeld zwischen 1998 und 2004. Am Ende wird, wie in allen Fällen, der Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Diesbezüglich befinden sich der 39-jährige Belgier und sein Team seit Amtsantritt 2024 auf einem ordentlichen, aber ausbaufähigen Weg.
Um dies zu verstehen, muss man in den Sommer 2024 zurückblicken. Bei der Suche nach Tuchels Nachfolger handelte sich der FC Bayern etliche Absagen ein und landete – auch auf Empfehlung Guardiolas – beim relativ unerfahrenen Kompany, der mit dem FC Burnley in die Premier League auf- und sofort wieder abgestiegen war. Keine Notlösung, aber aber auch kein Wunschkandidat.
Kompany hat Ruhe ins Team zurückgebracht
Zu diesem Zeitpunkt stand der FC Bayern erstmals nach zwölf Jahren titellos da, Bayer Leverkusen schien enteilt, die Münchner wieder mal auf der Suche nach sich selbst. Kompany beruhigte das Team relativ schnell, vereinte es hinter sich, fuhr eine souveräne Meisterschaft mit 82 Zählern und 13 Vorsprung ein, eroberte die nationale Spitze zurück, was als Mindestziel in München angesehen wird.
Wer einem jungen Coach den höchst anspruchsvollen Job des Bayern-Trainers anvertraut, muss Fehler in dessen Entwicklung einplanen und ihm zugestehen. Die erste Champions-League-Saison verlief alles andere als optimal, vom Ins-offene-Messer-Laufen beim FC Barcelona (1:4) über das Debakel in Rotterdam (0:3) bis hin zum unnötigen Viertelfinal-Aus gegen Inter Mailand, das Kompany im Hinspiel mit einem späten, fragwürdigen Wechsel (Boey) beeinflusste. Bei der Klub-WM ging die Rotation im Gruppenspiel gegen Benfica Lissabon schief, im deutlich schwierigeren Zweig kam dadurch das Aus im Viertelfinale gegen PSG.
Dieser Trainer hat jedoch auch bewiesen, dass er und sein Team sich entwickeln. Trotz der kurzen Sommerpause verlief der Start in die neue Saison mit elf Pflichtspielsiegen am Stück perfekt, zeigt das Team derzeit fast ausnahmslos einen höchst ansehnlichen, aktiven, attraktiven Fußball. Die Leute strömen wieder gerne in die Allianz-Arena. Hört man in die Mannschaft, schätzt ihn das Gros der Spieler, bei Fans und Medien kommt die lockere, empathische Art des Coaches an, Angriffsfläche in Interviews oder auf Pressekonferenzen gibt er keine.
Haben alle ihre Hausaufgaben gemacht, ist der Zeitpunkt der Verlängerung nebensächlich
Ob alles so glatt weiterläuft wie zu Saisonbeginn? Das kann niemand vorhersehen. Irgendwann wird auch den FC Bayern wieder eine sportliche Krise heimsuchen. Entscheidend wird dann sein, dass die Verantwortlichen den nun unterschriebenen Vertrauensvorschuss mit Leben füllen und Ruhe bewahren, Kompany umgekehrt Lösungen findet, seine Entwicklung fortsetzt. Und Erfolge liefert, die beim FC Bayern entscheidend sind. Die Meisterschaft, gerne den DFB-Pokal erstmals seit 2020, zudem begeisternde Spiele in der Champions League gegen die Großen des Kontinents. Dieser Titel ist nicht planbar, dennoch bleibt der Henkelpott das Ziel aller Sehnsüchte, kommt es bei einem Ausscheiden immer auf das Wie und Wann an.
Haben alle Verantwortlichen ihre Hausaufgaben gemacht, ist der Zeitpunkt der Vertragsverlängerung ohnehin nebensächlich. Dann hat sich der FC Bayern für den Misserfolgsfall abgesichert und zugleich der Begierde anderer Klubs einen Riegel vorgeschoben, sollte Kompany zur ganz heißen Aktie auf dem europäischen Trainermarkt werden.

