Beim 6:3 gegen Wolfsburg kann sich Kasper Hjulmand nur bedingt am Offensiv-Feuerwerk seiner Elf erfreuen, da Bayer gleichzeitig in der Defensive die Fehlerquote in selbstzerstörerische Dimensionen schraubt. Ein erneuter Ärger, dem der besonnene Trainer ungewohnt derb Rechnung trug.
Bayer-Trainer von Abwehrschnitzern sichtlich genervt
Kasper Hjulmand ist ein besonnener Mensch. Und auch als Trainer ist der 53-Jährige nicht als Lautsprecher und Schlagzeilen-Lieferant geboren. Seine Statements sind stets wohl bedacht, meist ausgewogen formuliert. Nichts, was im Regelfall für die Überschrift der Story des Tages taugt. Fährt der Däne doch öffentlich nie nur annähernd aus der Haut. Was auch daran liegt, dass sich Hjulmand grundsätzlich nicht zu Schiedsrichter-Leistungen äußert, sondern bestenfalls das Regelwerk in Frage stellt, nicht aber deren Umsetzer auf dem Platz.
Hjulmand greift zu ungewohnt derbem Vokabular
Nach dem 6:3-Sieg gegen den VfL Wolfsburg jedoch konnte und wollte der frühere dänische Nationaltrainer seinen Ärger über ein Thema nicht wirklich verbergen. So wählte Hjulmand ein für ihn völlig untypisches Vokabular, als er auf die teilweise dilettantischen Fehler angesprochen wurde, die sich seine Mannschaft in der letzten Defensivlinie gegen den Tabellenvorletzten geleistet hatte. Egal, ob Loic Badé, Robert Andrich oder selbst der sonst so zuverlässige Edmond Tapsoba – jeder aus dem Abwehrverbund hatte große Aktien an den drei Gegentreffern, wirkte wiederholt nicht wach genug, patzte oder schaltete viel zu langsam.
Es waren Geschenke an den Gegner wie beim 0:1 bei Union Berlin, beim 1:1 gegen Bayern München sowie beim 3:3 in Heidenheim. Diese haben Bayer wichtige Punkte im Rennen um Platz 4 gekostet. Jetzt beim 6:3 gegen Wolfsburg mit nicht nur diesen drei indiskutablen Fehlern hatte dies schon etwas Selbstzerstörerisches, was allerdings ohne Folgen für die Tabelle blieb.
„Wir müssen diese Situationen schnell und besser lesen.“ (Kasper Hjulmand)
Dennoch oder gerade deshalb platzte Hjulmands ganzer Ärger bei der zweiten Nachfrage zu dem Thema aus dem Trainer heraus. Woran dieses sich wiederholende Fehlermuster liege, wurde Hjulmand gefragt. Dessen Antwort war eindeutig. „Wir müssen diese Situationen besser lesen und wissen natürlich ganz klar: Du bist ein Verteidiger, wir müssen diese Situation verteidigen“, erklärte der Däne noch sachlich, um dann aber derbe anzufügen: „No-Bullshit-Verteidigen.“
Bullshit, also dezent übersetzt Blödsinn, kann kein Trainer in der Abwehrarbeit seiner Mannschaft gebrauchen. Also forderte Hjulmand in diesem Moment einfach nur absolute Konsequenz in der Defensive ein: „Du musst als Verteidiger alles machen, um kein Gegentor zu kriegen. Es ist so wichtig, immer die Situation schnell zu lesen und mit einer Funktion in dieser Situation zu verteidigen. Das ist es.“ Einfachheit, Klarheit, Bedingungslosigkeit eben.
„Wir haben zu viele Situationen, in denen wir ein Gegentor kriegen, in denen man keins kriegen muss. Wir müssen das verbessern.“ (Kasper Hjulmand)
Da dies alles fehlt, ist das größte Saisonziel, Platz 4 und damit die Qualifikation für die Champions League, in Gefahr. „Wir haben schon ein paar solcher Situationen in den letzten Wochen gesehen“, resümierte Hjulmand, der weiß, dass er diese Baustelle unverzüglich schließen muss. „Wir müssen sehr, sehr detailliert mit dieser Situation umgehen, im Training, mit den Spielern, mit Video-Analysen und allem“, sagt der Werkself-Coach, „wir haben zu viele Situationen, in denen wir ein Gegentor kriegen, in denen man keins kriegen muss. Wir müssen das verbessern.“
Das Problem ist natürlich längst erkannt. Die funktionierende Lösung fehlt aber bislang. Ein Grund dafür, dass Hjulmand diese Schwächen schwer im Magen liegen. Dies hatte man übrigens bereits bei seinem Eingangsstatement bei der Pressekonferenz erahnen können.
„In so einem Spiel mit so viel Kontrolle dürfen wir nicht drei Gegentore kassieren.“ (Kasper Hjulmand)
Schwenkte der Trainer doch dabei schnell auf diesen negativen Punkt. „Wir haben auch sehr, sehr gut Fußball gespielt“, hatte der Däne zwar erklärt, um dann direkt kritisch anzumerken: „Aber ich muss mit dem Negativen anfangen. In so einem Spiel mit so viel Kontrolle, mit so vielen Pässen von uns, mit so vielen Angriffen dürfen wir nicht drei Gegentore kassieren. Wolfsburg hatte eine Phase, eine Situation mit Kontrolle in unserem letzten Drittel. Eine in 90 Minuten, das ist sehr wenig, aber wir kriegen drei Gegentore – da war unser Abwehrverhalten nicht gut. Das ist etwas, was wir müssen natürlich besser machen müssen.“ Zwei Nachfragen später folgte sein „No-Bullshit-Verteidigen“.

