Der SC Freiburg begeistert mit präzisen Spielzügen über 30.000 Zuschauer, ganz besonders aber die Trainer Julian Schuster und Kasper Hjulmand. Dennoch bedeutet das 3:3 gegen Bayer Leverkusen den ersten Punktverlust des Jahres im eigenen Stadion.
Ginters Energieleistung rettet den Punkt
Nur vier Stationen und knapp zehn Sekunden brauchte es, um den Ball aus der Mitte der eigenen Hälfte ins Leverkusener Tor zu bringen – und das gleich zweimal binnen neun Minuten. Der SC Freiburg lieferte am Samstagnachmittag beim 3:3 gegen die Werkself vielfältiges Anschauungsmaterial für gleich zwei Kapitel des Fußball-Lehrbuchs: Konter und Befreien aus Pressing-Situationen. Selbst dem Gästetrainer imponierte das. „Wir haben eigentlich sehr gut hoch gepresst. Ein großes Kompliment an Julian und die Mannschaft, die immer wieder versucht hat, von hinten zu spielen und das zweimal sehr gut gemacht hat“, lobte Bayer-Coach Kasper Hjulmand.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde vollendete der Sport-Club den ersten Konter über insgesamt sieben Stationen. Aus dem Pressing am eigenen Strafraum befreit, nahm der Spielzug bei Igor Matanovic an Fahrt auf. Der Stürmer behauptete den Ball in der eigenen Hälfte und schickte Johan Manzambi auf die Reise. Der marschierte übers halbe Feld, schickte Christian Günter schließlich links an die Strafraumgrenze, von wo der Kapitän Vincenzo Grifo bediente, der den Ball etwas kurios im Tor versenkte. Was aussah, wie ein genialer Lupfer, war das Resultat dessen, dass Grifo seinen Schuss, ausgehend vom linken Fuß, mit dem rechten selbst abfälschte. „Nur so kann er reingehen“, scherzte der Rekordtorschütze selbst. Für Grifo war es das 105. Pflichtspieltor im Freiburger Trikot, womit er den vereinsinternen Bestwert von Nils Petersen einstellte.
Suzuki leitet ein – und vollstreckt
Neun Minuten später spielten die Breisgauer noch etwas schöner, diesmal über insgesamt acht Stationen. Über die linke Seite kam der Ball zu Yuito Suzuki, der noch aus der eigenen Hälfte Niklas Beste auf der rechten Seite in Szene setzte, der wiederum Philipp Treu in die Tiefe schickte. Dessen Hereingabe ließ Matanovic geschickt durch, damit der durchgestartete Suzuki seinen selbst eingeleiteten Angriff vollenden konnte. „Dieses zweite Tor ist natürlich sehr, sehr besonders, wie wir es im Kollektiv schaffen, von hinten nach vorn durchzuspielen und es auch zu veredeln. Dieser Fluss, die Laufwege, die Dynamik – das beizubehalten und in Perfektion und Präzision zu Ende zu spielen, ist toll zu sehen“, schwärmte Trainer Julian Schuster.
- Schuster fehlt „i-Tüpfelchen“, Rekordmann Grifo freut Löw-Lob
Der Matchplan ging in dieser Hinsicht voll auf. Denn die Kontertore waren kein Zufallsprodukt. Dem hohen Pressing wollten die Freiburger ganz gezielt mit der spielerischen Lösung begegnen. „Normalerweise sind sie es gewohnt, dass lange Bälle kommen, und dann warten natürlich drei Türme hinten, die es mit ihrer körperlichen Präsenz und ihrer Größe schwierig machen, im Ballbesitz zu bleiben“, erläuterte Schuster. „Umso wichtiger ist eben, entsprechend kurze Lösungen zu finden. Das hat die Mannschaft dann wirklich sehr, sehr gut gemacht.“
Dabei lief es zunächst nicht nach ebendiesem Plan. Die Freiburger hatten ihre Schwierigkeiten damit, von Bayer 04 so tief in der eigenen Hälfte unter Druck gesetzt zu werden. Aber auch das hatte Schuster im Vorfeld bedacht. „Genau das hatten wir angesprochen: Auch wenn dann eben Situationen da sind, in denen es nicht läuft, müssen wir weitermachen. Und dann hatten wir in den ersten zwei, drei Minuten zwei dieser Ballverluste. Trotz solcher Momente nicht die Konsequenz zu ziehen und zu sagen, in der nächsten Aktion mache ich es mir einfach und schlage lang, spricht noch mal mehr für das, was danach passiert“, erläuterte Schuster.
Grimaldo interessiert Treus hin und her nicht
Nach fünf Heimsiegen im Kalenderjahr 2025, vier in der Liga sowie dem 1:0 über Tel Aviv in der Europa League, muss der SC im sechsten Spiel im eigenen Stadion dennoch erstmals die Punkte teilen. Vor dem 1:1 ließ das Team den Leverkusenern kollektiv zu viel Freiraum. Bei Grimaldos Freistoßtor zum 2:2 wirkte dann die Aktion von Philipp Treu etwas unglücklich. Zunächst stellte sich der Rechtsverteidiger neben den Pfosten, um den Ball im Zweifel klären zu können. Treu verließ diesen Platz aber noch einmal und rückte raus, um kurz vor Grimaldos Schuss doch wieder zurückzukehren, aber nicht bis ganz auf die Linie.
Soweit war das alles gewollt, erklärte Schuster: „Wir haben es klar vorher besprochen: Wenn Grimaldo in diesen Räumen zum Freistoß kommt, finde ich es positiv, dass genau diese Unruhe entsteht. Das beeinflusst deine Fokussierung, deine Abläufe. Und deshalb war das erst mal richtig und nicht irgendwie irritierend, sondern genau das Ziel, Grimaldo in der Vorbereitung, aus seiner Konzentrationsphase zu bekommen.“
Den portugiesischen Freistoßkünstler interessierte das jedoch herzlich wenig. Der Ball schlug direkt über dem 1,73 Meter großen Treu ein, der zudem Noah Atubolu zu irritieren schien. Der Torhüter reagierte nämlich kaum, obwohl der Freistoß nicht in die Kategorie unhaltbar fiel. Im Endeffekt sieht die Situation für beide Beteiligten etwas unglücklich aus. „Da kann ich ein Stück weit mitgehen“, ergänzte Schuster.
Ginters Energie in der Schlussphase
Dem Spektakel der ersten Halbzeit konnten die zweiten 45 Minuten am Samstagnachmittag dann nicht ganz folgen. Erst demonstrierte die Werkself mit dem 3:2-Führungstreffer, dass auch ihr das Konterspiel nicht fremd ist, stellte in der Folge jedoch sämtliche Offensivbemühungen ein. Freiburg wurde zunehmend dominanter und belohnte sich spät. Eine scharfe Flanke von Derry Scherhant verwandelte der in solchen Phasen regelmäßig als verkappter Stürmer agierende Abwehrchef Matthias Ginter gekonnt per Kopf.
Ginter fand Gefallen an seiner Rolle als Stürmer, ging in der Schlussphase als energischer Antreiber voran und glänzte als Abstauber, nachdem Janis Blaswich einen Schuss von Lucas Höler abprallen ließ. Doch eine knappe Abseitsposition stand dem Doppelpack und damit dem sechsten Heimsieg des Jahres in einer auch so schon wilden Partie im Weg.

